Die Shitlers: Interview - Rap & Punk, Fler, Publikumsarten, Toony

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    Die Shitlers: Interview - Rap & Punk, Fler, Publikumsarten, Toony

    Foto von Philipp Gladsome

    Autor: Børge Jensen (@borge_jensen)

    In Rap-Kreisen sind die bekennenden Fler-Fans von den Shitlers längst keine Unbekannten mehr. Sie haben „Dreh den Swag auf“ und „Cordon Sport Massenmord“ gecovert (letzteres gemeinsam mit Panik Panzer und Koljah von der Antilopen Gang), mit MC Smook den heimlichen Sommerhit 2015 „Getränke“ abgeliefert und bewerten seit einem Jahr in einer regelmäßigen Kolumne für das splash! Mag aktuelle Deutschrap-Musikvideos. Wir haben Martin, Tristan und Thorsten vor ihrem Auftritt als Support für den Tourabschluss von Zugezogen Maskulin in Berlin getroffen (Konzertbericht) und ihnen Statements zum Verhältnis von Rap und Punk, deutscher Grammatik und Toony entlockt.

    Was natürlich alle brennend interessiert, bist Du, Thorsten. Du bist ja jetzt noch relativ neu in der Band. Wie bist Du dazu gestoßen?

    Thorsten: Das ist eigentlich ganz einfach. Ich habe die Band total gefeiert und bin dann einfach nach ihrem Konzert in Essen relativ betrunken hin gelatscht und habe gesagt: „Joa, ich hab‘ Bock, bei euch mitzuspielen, denn ich find‘ die Mucke geil.“ Und dann haben die direkt gesagt: „Na klar, warum nicht.“ Martin hat sich direkt voll gefreut, weil ich gesagt habe: Ich mag auch so Punkrock und so.

    Tristan: (Lachen) Ich mag Punkrock auch, ich spiel das nicht nur.
    (In diesem Moment kommt Martin dazu) Martin: Hallo, bist Du von Rap-Ist? Haben die nicht Angst, dass sie irgendwann mal auffliegen und Toony sie verprügelt?

    Nicht wirklich. Ich glaube, das Team ist ziemlich furchtlos.

    Martin: Weil sie es nicht besser wissen oder weil sie sich gut wehren können?

    Sie leaken sich einfach nicht. Die Einzigen, die mit Gesicht bekannt sind, sind Jule und Alina, und niemand geht davon aus, dass Toony die beiden schlagen wird.

    Tristan: Ich habe heute schon oft das Wort „leaken“ gehört. Das scheint ein wichtiges Wort zu sein im Internet.

    Martin: Ich bin Martin Shitler. Ich benutze Punk, um mich selbst zu promoten und bekannter zu werden. (allgemeines Lachen)

    Kann man in naher Zukunft mal wieder einen Disstrack von euch erwarten?

    Thorsten: Disstrack gibt’s nur gegen Matt Skiba.

    Was hat er verbrochen?

    Tristan: Er hat Blink-182 scheiße gemacht.

    Martin: Darum geht’s nicht. Es geht nicht um die Vergangenheit, es geht um die Zukunft, und was mit Matt Skiba passiert.

    Und was erwartet ihr da?

    Martin: Ich erwarte nichts, ich gestalte etwas. Es geht nicht darum, was du erwartest. Du sollst nicht dein Leben träumen, sondern deinen Traum leben. Es geht darum, was du machst, und nicht, was du dir so überlegst.

    Das heißt, du legst dir jetzt schon alles so zurecht, dass du Leute nachher in Situationen bringst, in denen du sie dissen kannst?

    Martin: Ey, ich sag dir jetzt mal eine Sache: Was ich mache oder was ich nicht mache, ist egal! (allgemeines Lachen)

    Thorsten: Also Matt Skiba ist definitiv ein Sohn. Der kriegt noch seinen Disstrack. Und Adam Angst.

    Tristan: Aber das ist eher so ein Internet Battle. Das findet über Fotos und Sprüche im Internet statt.

    Martin: Ich würde gern mal ein Feature machen mit jemandem, der berühmter als ich ist, und mich an dem Fame von dem so ein bisschen hochziehen. Meinst du, du könntest das arrangieren?

    Nö. (allgemeines Lachen) Aber du warst ja gerade bei dem Thema, dass du deinen Traum lebst. Deswegen wäre meine Frage: Was für konkrete Schritte unternimmst du denn dazu?

    Martin: Alles was nötig ist. Ich mache Boss Transformation und das System von Fler gleichzeitig.

    Ich sehe auch schon in deiner Hand das Franziskaner Alkoholfrei. Das ist natürlich eine gute isotonische Grundlage dafür.

    Tristan: Fitness Drank!

    Wie kommt ihr als Punkband dazu, als Vorgruppe bei einer Rap Show zu spielen?

    Martin: Wir pflegen einen freundschaftlichen Kontakt zu der Rapgruppe Antilopen Gang, über die der Kontakt zu Zugezogen Maskulin zustande kam. Vor einem Jahr spielten wir zusammen mit ihnen in Berlin, and the rest is history. (Lachen) Wir haben uns gut verstanden, und jetzt wird uns die große Ehre zuteil, sie ein weiteres Mal unterstützen zu dürfen bei ihrem Tourabschluss.

    Vergleicht doch mal die Publika, Publiki oder Publikae bei Punk- und Rapkonzerten. Welche sind cooler?

    Martin: Ähm, was sind denn Publikae eigentlich?

    Das benutze ich jetzt einfach mal als Plural von „Publikum“. (Im Hintergrund diskutieren Tristan und Thorsten über weitere mögliche Pluralformen von „Publikum“)

    Martin: Ach so. Aber das Publikum ist doch schon ein pluraletantum.

    Ja…. Also das schneide ich raus. Das nimmt Euch gerade alle Credibility. (Allgemeines Lachen) Was ist cooler und was ist blöder bei Rap- und Punk-Publikum?

    Martin: Beim Punk-Publikum gibt es zwei Leute: Das ist der Dicke mit dem Iro und der Jacke, dann gibt’s den Dünnen mit dem Beutel, und den Jongleur und Scheibenputzer mit den Dreadlocks hinten.

    Tristan: …manchmal spielt er auch Diabolo im Publikum!

    Thorsten: Der Beutel ist meistens von Turbostaat oder Adam Angst.

    Martin: Und jede sechste Person ist die Freundin.

    Das ist eine große Überschneidung mit Rap: Da gehen Frauen normalerweise auch nicht hin.

    Martin: Ich finde, Rap und Punk ist eigentlich das Selbe. Das konvergiert.

    Tristan: Das hat Sido auch gesagt.

    Martin: Fukuyama hat ja 1992 in einem Interview gesagt, dass das Ende der Geschichte erreicht ist und jetzt alles konvergiert.
    Thorsten: Der ist eigentlich ein krasser Sohn.
    Martin: Er ist ein Sohn.

    Ihr könnt das Wort „Hurensohne“ übrigens hier in Berlin ruhig aussprechen.

    Martin: Das ist ein Berliner Wort. Es wurde ja auch hier in Berlin geprägt.

    Tristan: Das hat Fler erklärt. Er muss beim Beef die Leute nicht immer krass beleidigen, sondern er sagt einmal „Hurensohn“ zu Farid Bang, und dann ist klar: Ab jetzt haben wir Beef bis an unser Lebensende, bis auf den Tod. Und dann muss man nicht mehr dissen.

    Aber ihr habt Euch noch gar nicht zum Rap-Publikum geäußert.

    Martin: Früher in Wattenscheid habe ich immer Gras gekauft bei so einem Typen. Der hatte WinAmp mit so einer grünen Schrift. Und bei dem zu Hause waren viele Leute, die ich jetzt immer auf Rapkonzerten sehe. (Lachen)

    Tristan: Die saßen damals schon da. Die haben Bong geraucht und Schwip Schwap getrunken und hatten die Rollladen halb unten, auch wenn Sommer war. Und dabei haben sie die ganze Zeit FIFA auf Playsi gezockt.

    Thorsten: Aber die gehen ja gar nicht auf Rapkonzerte. Die wollen ja zu Hause bleiben.

    Martin: Die nehmen sich das vor.

    Tristan: Nach vier, fünf Bongs hast du einfach keinen Bock mehr, zehn Euro zu zahlen und rumzustehen. Da willst du chillen.

    Martin: Ich vergleiche eigentlich nicht. Ich versuche, jeden so anzunehmen, wie er ist. Die sind alle individuell. (Lachen) Nee, die sind alle total scheiße. Also ich mag die Punker lieber als die Rap-Fans, muss ich ehrlich sagen. Die Rap-Fans kann ich nicht so einordnen. Die sind mir fremd. Die kann man auch nicht so gut provozieren. Man muss immer Angst haben, dass die dann was machen. Und die Punker haben immer mehr Angst, wenn man sie provoziert.
    Tristan: Aber die schmeißen dann vielleicht mit Klobürsten oder mit Kacke.

    Thorsten: Das würden Rapper nicht machen. Die haben immer so saubere Schuhe. (allgemeines Lachen)

    Tristan: Das ist ein Unterschied. Jetzt haben wir doch verglichen!
    Thorsten: Ich habe noch nie einen Punker mit sauberen Schuhen gesehen.

    Eko Fresh hat bei einem Konzert auch mal eine Flasche an den Kopf gekriegt.

    Martin: Ja, das war aber ein Punker! (allgemeines Lachen) Kannst du etwas anderes fragen?

    Klar, aber es wäre noch mal eine Vergleichsfrage. Vergleicht mal Berlin und das Ruhrgebiet. Ihr könnt es auch auf Bochum zuschneiden.

    Thorsten: In der Ruhrgebietsentwicklung gibt es ja zwei Phasen. Es gibt die erste Phase mit den richtigen Ruhrgebietsstädten wie Duisburg, Bochum, Essen, Mülheim, Dortmund.

    Martin: In der Phase wurde der RE 1 gebaut.

    Thorsten: Das war so ein bisschen wie die Erschließung des Westens in den USA. (allgemeines Lachen) Auf jeden Fall: Bottrop ist schlimm. Recklinghausen ist schlimm. Gladbeck ist schlimm.

    Martin: Bochum ist ganz anders. Es ist gut, dass in beiden Regionen viele Leute sind. Deswegen kann man sowohl im Bereich Punk, als auch im Bereich Rap sowohl in Berlin, als auch in Bochum Konzerte besuchen und Musik hören. Aber die Ausprägungen davon sind schon unterschiedlich. Ich glaube, Berlin ist einerseits mehr Party und politisch im Punk, und das Ruhrgebiet ist da eher klamaukig. Und Rap ist in Berlin anders. Die bilden sich ja sehr viel ein auf ihre Rapkultur, und das auch zurecht.

    Tristan: Maxim rest in peace!

    Martin: Ich finde Fler zum Beispiel ist im Moment das Beste, was es im deutschen Rap gibt.

    Noch eine etwas feuilletonistischere Frage. In euren Texten ist die Abgrenzung ein durchgehendes Thema. Ihr grenzt euch ab sowohl gegen andere Punkbands als auch gegen gewisse Leute in der Punkszene und linken Szene. In einem älteren Interview meintet ihr mal, euer Anspruch mit den Shitlers sei, dass die Band-Charaktere identisch mit euren echten Persönlichkeiten sein sollen. Welche Rolle spielt denn Abgrenzung – von welchen Leuten auch immer – für eure persönlichen Identitäten?

    Tristan: Gar keine. Alle Menschen sind eins, und so sollte man sich auch gegenseitig behandeln. Ich könnte mich jetzt gegen einen Menschen abgrenzen, aber jeder andere Mensch ist ja wieder anders. Das bringt mir ja nichts. Da muss ich mich ja von ganz Vielen einzeln abgrenzen. Super anstrengend.

    Martin: Das ist so: Willst du Frieden, dann rüste zum Krieg. Wir wollen Frieden, deswegen schaffen wir die Voraussetzungen dafür.
    Thorsten: Wir befrieden die Punkszene.
    Tristan: …durch Krieg. Aber nicht nur in der Punkszene. Überall Krieg. Wir überziehen die Welt mit Krieg und Desaster. Für den Frieden.

    Martin: Wir haben das so ein bisschen aus dem Rap abgeguckt. Wenn man nichts hat, über das man reden kann, dann redet man über die Defizite imaginärer oder realiterer Anderer.

    Tristan: Zum Beispiel Turbostaat. Ach nein, mit Turbostaat ist der Beef beendet. Wir haben uns bei Arafat getroffen.

    Martin: Ja, was soll man dazu sagen? Es gibt einfach viele Sachen, die uns beschäftigen, und wir reflektieren und äußern das.
    Tristan: Wir sind jetzt auch körperlich nicht so stark. Deswegen ist es besser, wenn man das in Texten macht. Ich würde jetzt nicht zu jemandem hingehen und ihm sagen: Du bist scheiße. Das trau‘ ich mich nicht.

    Martin: Das ist ja auch der Gedanke bei Hip Hop: Auf der Straße gab’s viel Ärger, und dann hat man sich in Block Partys getroffen. (Lachen)

    Tristan: Und dann hat man halt gerappt, statt sich zu schlagen.

    Martin: Und so machen wir das auch.

    Wurden euch als Reaktion auf eure Texte schon mal Prügel angedroht?

    Martin: Es wurde mal eine Klobürste nach uns geworfen in Münster.
    Tristan: Ich glaube, das war nicht wegen der Texte. Eher wegen der Delivery und dem Flow. (allgemeines Lachen)

    Martin: Also nein, das nicht. Wir haben auch einen mächtigen Rücken, muss man dazu sagen.

    Und jetzt bitte noch ein Schlusswort für unsere Leser.

    Tristan: Zum Abschluss nochmal die Ermahnung: Macht immer euer Ding, geht gerade euren Weg und bleibt euch immer treu. Lasst euch nicht von der deutschen Neid-Gesellschaft unten halten! Und Shoutout an den ZdS: Zentralrat der Swagger!

    Børge Jensen

    Ein ganz normaler Atze

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