Ich rappe, bis die fette Frau den Blues singt - Taktloss live im Astra Berlin

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    Ich rappe, bis die fette Frau den Blues singt - Taktloss live im Astra Berlin

    Am 28. Mai wird Taktloss sein letztes Konzert geben – als diese Ankündigung vor einigen Monaten bekannt gegeben wurde, schien sie unglaublich. Der Wack MC Mörder Nummer Eins, der seine Fanbase seit über zehn Jahren zwar nur noch sporadisch mit neuen Veröffentlichungen beglückt hat, der aber stets mehr oder weniger regelmäßig auf Bühnen überall im deutschsprachigen Raum stand, sollte tatsächlich seine Konzertkarriere beenden?

    Ob man nun daran glaubte oder nicht – für jeden war wohl klar, dass dieses vorgeblich letzte Konzert ein denkwürdiges Ereignis werden würde. Dementsprechend schnell waren die Tickets ausverkauft, so dass der Gig nicht nur in eine größere Halle verlegt werden musste (das Astra Kulturhaus in Friedrichshain – eigentlich ein Sakrileg für solch eine Westberliner Legende), sondern zusätzlich zum letzten auch noch ein allerletzter Konzerttermin für den 29. Mai angesetzt wurde. Wer konnte, kaufte sich gleich noch ein zweites Ticket. Wer nicht die Gelegenheit dazu hatte, der musste sich ärgern, als einige Zeit später das Gastprogramm für die Konzerte bekannt gegeben wurde. Denn auch wenn die für den 28. angekündigten gemeinsamen Auftritte mit Größen aus dem ehemaligen Aggro- und Bassboxxx-Umfeld schon einiges erhoffen ließen, waren es wohl vor allem die für den zweiten Termin angesetzten Reunions der legendären Crews MOR und Westberlin Maskulin, die Freunden des klassischen Westberliner Battle Rap die (Vor-)Freudentränen in die Augen trieben.

    Auch wenn man an der Geschichte vom letzten bzw. vorletzten Konzert zweifelte; auf jeden Fall unterschied sich die Stimmung beim ersten Termin schon einmal stark von dem, was man sonst von Taktloss-Konzerten gewohnt war. Das fing bereits beim Einlass an – ein Merch-Stand? TAK47 lässt tatsächlich andere Menschen seine T-Shirts verkaufen, statt seinen „Hip sHop“ wie gewohnt nach Konzertende aus einer mitgebrachten Sporttasche am Bühnenrand selbst zu bertreiten? Im Saal angekommen, fühlte man sich aber schnell wieder zu Hause. Denn das Konzert begann, wie angekündigt, genau um 20 Uhr – obwohl zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ein Viertel des Saals gefüllt war. Gemeinsam mit Takti betrat ein Saxophonspieler die Bühne – angekündigt als „Knipser, der blinde Saxophonist“ – und zur Melodie von „Smooth Operator“ stellte der letzte tighte Nigga seinem Publikum zum ersten (und weitaus nicht letzten) Mal an diesem Abend die Frage, auf die jeder im Saal gewartet hatte: „Was macht mein Label?“ Dass daraufhin aus zahlreichen Kehlen die Antwort „Es fickt die Biaaatch“ drang, zählt zu den eingespielten Ritualen, ohne die kein Taktloss Gig ablaufen kann.

    Das Konzert selbst lief dann erst einmal nach eingespieltem Muster ab. Altbekannte Tracks wurden abgespielt bzw. oft auch nur kurz angerissen und nach einem Refrain, nach einer Strophe oder auch mal inmitten einer Line abgebrochen. Die Musik kam dabei von DJ Ugly Cut; Taktloss‘ Alter Ego, unter dem er bereits mehrere Mixtapes veröffentlicht hat. Live trat Ugly Cut jedoch nur in Form eines Laptops mit vorprogrammierter Playliste in Erscheinung, mit der Taktloss, der MC, dennoch während des Auftritts kommunizierte wie mit einem echten DJ, so dass man als Zuschauer ab und zu doch mal ungläubig schaute, ob da hinter dem Pult nicht doch jemand stand. Die altbekannten Witze waren auch beim hundertsten Mal noch lustig; etwa, als einem Gast beim abgekarteten Münzwurf 50 Euro aus der Tasche gezogen wurden (dass sich immer noch bei jedem Konzert jemand findet, der zu diesem Spiel bereit ist, kann man auch als Zeichen der Support-Bereitschaft von Taktis Fanbase sehen). Nachdem dieses bewährte Programm bereits eine Stunde lief, fragte ich mich schon, ob die vollmundigen Gäste-Ankündigungen vielleicht doch nur einer der üblichen merkwürdigen Takti-Scherze waren.

    Doch da begann bereits das Feature-Trommelfeuer mit Gästen wie MC Bogy, Isar, Mach One und der LD Crew, das Nostalgie an alte Tape-Zeiten weckte. Selbst ein Saubermann wie Sido stieg noch einmal aus dem Pop-Himmel herab in die dreckige Hölle des Untergrund, um seinen Part und den Chorus aus dem unsterblichen Klassiker „Nutte“ zu performen. Ist diese Zeit wirklich schon wieder eineinhalb Jahrzehnte her? Egal: An diesem Abend konnten sich all die Mittdreißiger im Saal noch einmal so fühlen wie damals, als sie jung waren; und die, die jetzt noch jung waren, können sich vorstellen, wie es wohl war damals, als Berlin die coolste Stadt des Rap war. Selbst Jack Orsen und Justus, die eigentlich erst für das zweite Konzert angekündigt waren, sprangen noch einmal mit auf die Stage, um Hits wie „Rap Shit“ und „Booyaka“ zu spielen.

    Als die chinesische Flagge, die die Rückwand der Bühne schmückte, zerrissen und zum Umhang umfunktioniert wurde, wurde langsam klar: Diese Erfahrung, so schön sie auch war, würde bald zu Ende gehen. Und wirklich: Um Punkt 22 Uhr war Schluss. Eine Zugabe gab es nicht, das Playback hatte genau für zwei Stunden gereicht. Auch eine After Party war nicht vorgesehen – stattdessen wurden alle Gäste gebeten, den Saal zu verlassen, damit die nächste Party des Abends stattfinden konnte. Ist das schlimm? Natürlich nicht. Wer zu einem Taktloss-Konzert geht, wäre ganz im Gegenteil eher enttäuscht, wenn er nicht zu einem gewissen Grad schäbig behandelt würde. Wir durften dem letzten tighten Nigga bei seiner Kunst beiwohnen, was haben wir noch zu verlangen?

    Hatte der erste Abend bereits von dem üblichen Muster der Taktloss Gigs abgewichen, so gab es beim zweiten Termin noch mehr Änderungen: Das Konzert begann tatsächlich nicht pünktlich. Erst eine Dreivierteilstunde nach der angekündigten Anfangszeit wurde das „Smooth Operator“-Riff angestimmt. Was waren das für Sitten? War die bislang unbekannte Erfahrung ausverkaufter Hallen Takti etwa zu Kopf gestiegen? Egal: Die Stimmung war dafür diesmal noch ein ganzes Stück besser – sowohl auf als auch vor der Bühne. Jack Orsen und Justus schauten noch einmal vorbei, und gemeinsam mit Big Derill Mack konnte bereits ein ziemlich weit gehendes Masters Of Rap Revival gefeiert werden.

    Der Gast, auf den aber wohl jeder im Publikum gewartet hatte, war definitiv Kool Savas. Als Westberlin Maskulin waren er und Taktloss Ende der 1990er Jahre stilbildend für deutschen Untergrundrap gewesen, bevor sie sich soweit zerstritten hatten, dass eine WBM-Reunion lange Zeit unwahrscheinlicher schien als ein Wiedertreffen von Savas und Eko. Doch wenn der letzte Tighte sein letztes Konzert ankündigt, können noch Wunder geschehen. Während dreier alter WBM-Hits ging dann auch eine riesige Gänsehaut-Welle durch den Saal, und dabei war auch beinahe egal, dass Savas sich mehrfach verrappte und im Refrain von „Battlekings“ das Wort „Nigga“ durch „Dicka“ ersetzte. Wichtig war in diesem Moment nur, dass man das erleben konnte: WBM wieder vereint auf einer Bühne – eine Erinnerung, von der wohl einige der an diesem Abend Anwesenden noch ihren Enkeln berichten werden.

    Taktis letzte Ansagen sowie die Flyer, die in der Location auslagen, wiesen schließlich darauf hin, worum es an diesen beiden Abenden wohl vor allem gegangen war: das Sammeln von Filmmaterial für eine Konzertdokumentation, die im September als streng limitierte Premium Box erscheinen soll. Wenn es ums Geldmachen geht, geht auch eine Untergrundikone wie Taktloss mit der Zeit, und wer wollte es ihm verdenken? Für die unzähligen Stunden Kunst und Unterhaltung, die er uns mit seinem Rap bereits geboten hat, ist es wohl nicht zu viel verlangt, ihm 40 Euro in den Rachen zu werfen, zumal viele von uns sowieso auf die offizielle Taktloss DVD warten, seit vor über zehn Jahren ein Trailer dafür veröffentlicht wurde.

    Egal also, ob diese beiden Abende wirklich, wie angekündigt, das „letzte tighte Nigga Konzert“ waren, oder ob Takti in drei Monaten seine Gage wieder mal im Casino verspielt hat und einfach die nächsten Termine ankündigt: Von einer Legende seines Kalibers haben wir nichts zu verlangen. Wir können einfach froh sein, wenn er uns mit seiner Anwesenheit beehrt und uns ermöglicht, an seinem Genie teilzuhaben. Hoffen wir also, dass dies noch oft geschehen wird. Um es in den Worten des letzten Tighten zu sagen: „Die Zukunft ist geduldig, sie weiß, dass ihre Zeit kommen wird.“

    Børge Jensen

    Ein ganz normaler Atze

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