Ist das Kunst, oder doch nur Rap?

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    Ist das Kunst, oder doch nur Rap?

    Kaum etwas ist Rappern so wichtig, wie die Wahrnehmung ihrer eigenen Kunst. Würde man die Vertreter der Zunft fragen, wie sie sich selbst sehen, erhielte man die unterschiedlichsten Antworten. Manche verstehen sich als Sprachrohr der Jugend. Andere bevorzugen die Bezeichnung Reporter der Straße. Wer gerne ein bisschen dicker aufträgt, schmückt sich großspurig mit dem Titel Poet der Neuzeit.
    Die Allermeisten geben sich aber etwas bescheidener mit dem Begriff Künstler zufrieden.

    Klingt erstmal logisch, denn Rap ist Musik und Musik bekanntlich Kunst. Da müsste der Fall ja eigentlich klar sein, doch sind wirklich alle Rapper Künstler? Stehen Majoe & Jasko in der Tradition von Goethe und Schiller? Wird Seyed mit seinem neuen Album eine Kulturepoche, ja vielleicht eine ganze Stilrichtung prägen?

    Wahrscheinlich nicht. Mir geht es aber nicht darum, schlechten oder unbedeutenden Rappern den ehrwürdigen Status des Künstlers streitig zu machen. Die Frage, ob jemand ein Künstler ist oder nicht, hängt schließlich nicht von der Qualität oder dem Erfolg seines Schaffens ab. Natürlich ist Musik darüber hinaus vom persönlichen Geschmack abhängig und kann nicht objektiv beurteilt werden. Das Motiv, warum jemand rappt, ist auch zweitrangig.

    So geben viele Straßenrapper mittlerweile offen zu, dass sie in erster Linie rappen, um legal Kohle zu scheffeln. Auch ohne diese Offenheit muss man kein Genie sein, um festzustellen, dass nicht jeder aus Liebe zur Sache rappt. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass es bereits in der Antike gefeierte Bildhauer gab, die für Bitches und Fame den Meißel geschwungen haben, also auch nicht die ehrenwertesten Absichten verfolgten. Schwierig wird es nur, wenn der künstlerische Anspruch den kommerziellen Gelüsten untergeordnet wird.

    Der Song „Chabos“ von Haftbefehls Mixtape „Unzensiert“ steht sinnbildlich für einen solchen Fall. Über fünf Minuten lang präsentieren die Azzlacks der Hörerschaft die komplette Kollektion ihrer Modemarke Chabos, ein gerappter Otto-Katalog quasi. Sicher ist die Idee nicht allein auf Haftis Mist gewachsen. Trotzdem frage ich mich, warum er seine Kunst für ein bisschen kostenlose Werbefläche derart verhunzt. Das ist doch auch eine Geringschätzung der eigenen Arbeit. Man stelle sich vor, Leonardo Da Vinci hätte seine Mona Lisa in einem selbst designten Trainingsanzug gemalt, nur um die eine oder andere müde Mark mehr zu verdienen.

    In meinem Verständnis stellen die Alben vieler Rapper kein Kunstwerk dar, sondern ein handwerkliches Erzeugnis, ein liebloses Produkt. Anstatt sich kreativ auszuleben, wird auf Konstanz gesetzt. Im immer gleichen Abstand von einem Jahr veröffentlicht der Max Mustermann MC seine Platte, die sich stilistisch an dem orientiert, was gerade kommerziell erfolgreich ist oder gehyped wird. Dabei schustert er ein Produkt zusammen, das kalkulierter und berechnender nicht sein könnte. Ein Liebessong, eine Motivationshymne, in die Fresse aber auch gefühlvoll. Für jeden muss halt etwas dabei sein.

    Läuft es gerade nicht so, wird einfach der Stil des ersten Albums konserviert. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, was Bushido mit seinem Album „Sonny Black“ eindrucksvoll bewiesen hat. Aber hat es wirklich etwas mit Kunst zu tun, wenn ein Rapper nach einem versöhnlichen Schmuse-Album („A.M.Y.F“) mit der alten Asozialität („Sonny Black“) zurückkommt, nur um nostalgische Gefühle bei seinen Fans zu wecken?

    Apropos Bushido, noch weniger Sinn macht es für mich, Rapper als Künstler zu bezeichnen, die in die Albumproduktion kaum noch involviert sind. Nicht selten kommt es vor, dass Rapper ihre Texte von einem Ghostwriter, die Beats von einem Produzenten und das Image von ihrem Label Boss verpasst bekommen. Da kann die Musik noch so gut sein, zu richtigen Künstler werden diese Marionetten dadurch noch lange nicht.

    Aber Rapper machen ja längst nicht mehr nur Musik. So könnte doch das komplette Ergebnis ihres kreativen Schaffensprozesses als Kunst gewertet werden. In diesem Fall bin ich im Besitz von einigen echten Kunstschätzen, die ich über die Jahre durch den Kauf von Deluxe Boxen gesammelt habe. Vielleicht handelt es sich bei meiner Summer Cem-Bauchtausche und dem schwarz-rot-goldenen 187-Autowimpel um echte Raritäten. Sollten diese Gegenstände in einigen Jahrzehnten historische Überbleibsel einer berüchtigten Kulturepoche sein und deutlich in ihrem Wert steigen, will ich mich nie beschwert haben.

    Paul Schwenn

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