Review: Marco Yolo – "Die Wunder der Swag-Welt"

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    Review: Marco Yolo – "Die Wunder der Swag-Welt"

    Review: Marco Yolo – "Die Wunder der Swag-Welt"

    VÖ: 09.09.2015

    Marco Yolo auf Twitter

    Autor: Børge Jensen (Twitter)

    Es war im Herbst 2014, als der „Mammut Remix“ von MC Smooks Hit „Grinden mit Delphinen“ Marco Yolo erstmals einem größeren Hörerkreis nahebrachte – allerdings nur als einer unter insgesamt 25 MCs. Wer aber aufmerksam hinhörte, konnte schon damals eine Ahnung von seiner besonderen Sorte Swag erhaschen, als er es durch die richtige Betonung schaffte, dass die Lines „Ich grinde mit Delphinen, splashy splashy splashy splash / Das Wasser macht die jubelnde Menge wet“ beinahe wirklich einen Reim ergaben. Doch erst, als im Juni 2015 das Video zu dem bereits mehrere Monate vorher veröffentlichten Song „All Waiting Lines Are Bullshit (A.W.L.A.B)“ (zusammen mit R-Moon und Juicy Gay) droppte, erlangte Marco Yolo größere Bekanntheit – zumindest im Rahmen der sehr aktiven Facebook-Gruppen, die sich um das Swag Movement gebildet haben. Der drahtige Dude, der mit starkem Wiener Akzent neben dem Takt rappte und dabei futuristische Tanzmoves präsentierte, wurde von Vielen gefeiert, erntete aber auch Hass als jemand, der angeblich nur „ironisch“ am Swag Movement beteiligt sei.

    Doch was heißt eigentlich Swag? Oft genug wird – gerade im deutsch-österreichischen Kontext – Swag mit einem Standard-Katalog von Kleidung, Drogen, Ernährung und Lebensstil gleichgesetzt. Diese Kategorien erfüllt Marco: Bucket Hat, Gold Chains, Lean im Double Cup, Fast Food, Turn Up und Texte über Statussymbole – alles da. Viele Trap Künstler im deutschsprachigen Untergrund geben sich damit schon zufrieden. Doch ist das wirklich Swag? Schaut man sich die großen der Bewegung in den USA an, ergibt sich ein anderes Bild: Oberflächlich geht es um die gleichen Themen, aber viel relevanter als die hundertste Goldkette ist bei großen Künstlern wie Lil B oder Chief Keef die Entschlossenheit, einen Fick auf Genrekonventionen zu geben und in erster Linie sich selbst zu repräsentieren. Insofern ist Ralf Theil zuzustimmen, der in seiner JUICE-Rezension zu Crack Ignaz‘ „Kirsch“-LP „Schmäh“ als einzig angemessene deutsche Übersetzung von „Swag“ erkannt hat.
    Solchen Schmäh hat Marco Yolo tatsächlich zuhauf, wovon sein Debüt-Mixtape „Die Wunder der Swag-Welt“ einen ersten Eindruck gibt. „Wir werfen mit Fässern“, eine Kollaboration mit dem regelmäßigen Feature-Partner Captain Space Nugget, eröffnet mit der 16-Bit-Titelmelodie des Super-Nintendo-Klassikers „Donkey Kong Country“. Auf dem Track liefert Marco ein Paradebeispiel seines Flows, der sich stets frei flottierend um den Takt herum windet, ohne jedoch komplett neben der Spur zu liegen (wie MC Smook es einmal ausdrückte: Der Flow setzt in einer anderen Zeitzone an) und von haarsträubenden Adlibs (unter anderem Affen-, Papagei- und Furzgeräusche) und Tonlagenwechseln durchsetzt wird – man beachte nur das tief aus dem Kehlkopf gepresste „YEAH“ in der Hook!

    Das jugendlich-spielerische Thema, das mit den Donkey-Kong-Referenzen vorgegeben wird, zieht sich durch das ganze Tape: Als „Mad Scientist“ kreiert Marco Yolo das Chemical X (bekannt von den PowerPuff Girls), „Ich shoote mit der Steinschleuder“ erzählt von blutigen Schulhofkämpfen mittels BeyBlade und der Golden Slingshot aus Animal Crossing, und „So Fly“ erreicht Marcos Flyness ein solches Maß „als hätt‘ ich die Feder von Super Mario World“. Neben der Jugendkultur kommt auch die Volkskultur nicht zu kurz, wenn Marco seinen Freund R-Moon in München besucht und zu Akkordeonklängen auf dem Oktoberfest „Dirty Almdudler“ genießt, oder wenn das alte Matrosenlied „Drunken Sailor“ für die Trinkgelage des 21. Jahrhunderts aktualisiert wird. Selbst Freunde der Hochkultur werden bedient, wenn Marco auf einem „Pianobeat“ Komponisten-Namedropping betreibt: „Du bist ein asozialer Hartzer und schaust Galileo / Ich hustle hart und verticke an Vivaldi Yayo / Der zweite Teil ist von der Realität sehr weit entfernt, slime / Aber egal, denn es klingt nice wie ein Werk von Bernstein.“

    Die musikalische Untermalung stammt von Freunden (Juicy Gay, Young Anuslord), aus Freebeat-Kanälen oder ist, wie für Mixtapes üblich, den Hits von US-Größen wie Obie Trice, Baby Bash oder 50 Cent entliehen. Was das Beatpicking angeht, könnte aber bei kommenden Releases noch auf eine stärkere Qualitätskontrolle geachtet werden, denn mitunter fallen die Beats etwas lasch aus. Auch funktioniert nicht jede Songidee – „Leana“, ein Liebeslied an den codeinhaltigen Hustensaft, oder das battle-lastige „Rick Grimes“ fallen gegenüber dem Rest der Songs leicht ab.

    Nichtsdestoweniger liefert das Tape fast eine Stunde beste Unterhaltung. Der für Swag Rap typische Fast-Food-Effekt, bei dem Heißhunger in Übersättigung übergeht, stellt sich zwar auch hier irgendwann ein. Doch allein die Punchline-Dichte der Texte und Marcos wahnwitzige Delivery sorgen schon dafür, dass „Die Wunder der Swag-Welt“ immer wieder den Weg in die Playlists vieler Hörer finden wird. Zum Abschluss sei das Yolo‘sche Swag-Rezept noch einmal im Original, in seiner typischen, von variablen Bar-Längen und halb- bis ungereimten Freistil-Flows gekennzeichneten Art wiedergegeben: „Hör‘, wie ich diesen Beat bang / Du brauchst für ' ne Line ewig und alle Gehirnzellen / Ich brauch dafür weniger als 14 / Minuten, nämlich fünf, genauer gesagt / Für einen Drei-Minuten-Track / Schreibe ich eine und in zwei recorde ich die Parts / Inklusive zehn Minuten Pause / In der kraul ich den Schwanz“. Amen, Swag und #YONEYAN.

    Das Album kann hier gedownloaded werden

    RapIstChief

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