19. Oktober 2019
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Wie KUMMER die Rapszene blamiert

Wie KUMMER die Rapszene blamiert

Fotoquelle: Hotel Rocco
 
Summary:

Kummer kommt gefühlt aus dem Nichts und blamiert ungewollt mit seinem Debütalbum „KIOX“ die Rapszene. Wie hat er das geschafft?

Wir alle mögen Fußball. Lasst uns also in Gedanken zur WM reisen. Jedes Land schickt seine besten Spieler an den Start und alle wollen zeigen, warum sie eigentlich so viel Geld verdienen. Dann kommt er: Ein Handballspieler! Er schießt 15 Tore, wird bester Spieler des Turniers und das, obwohl er eigentlich keinen Fußball spielt. Klingt unrealistisch, oder? Genau das passiert aktuell im Deutschrap:

KUMMER, eigentlich Sänger einer Indie-Rock-Band, hat gerade ganz nebenbei eines der besten Deutschrap-Alben des bisherigen Jahres gedroppt. Ich bin absolut kein Fan von Kraftklub und musste trotzdem schon im August schweren Herzens gestehen, dass „Nicht die Musik“ einfach nur ein guter Song mit genialem Video geworden ist. Endlich wurde die Motivations-Coaching-Bubble in einem Song gekonnt auf die Schippe genommen. Was ich anfangs noch für einen Lucky-Punch hielt, entpuppte sich mit jedem weiteren Song als vermutlich doch sehr gutes Album. Heute ist das ganze Ding draußen und bis auf einige wenige Lieder, die mich persönlich einfach nicht so ganz abholen, komme ich nicht drum herum, KIOX als Kandidat fürs Album des Jahres zu nennen.

Ich hab‘ keine Ahnung von Ketten und Blaulicht
Keine Ahnung von Fashion und Outfits
Doch ich mach‘ Rap wieder weich
Ich mach‘ Rap wieder traurig

– Kummer auf „Nicht die Musik“

Dabei ist das Rezept von KUMMER gar nicht mal so verkopft, es spricht einfach nur die Themen an, die die Gesellschaft und vor allem viele Rapfans derzeit bewegen: Auf 9010 bezieht sich Kummer auf seine Heimat Chemnitz, das Aufwachsen in der Karl-Marx-Stadt und das Wachstum rechter Gewalt. Auf „Der Rest Meines Lebens“ beschreibt der 30-Jährige das Erwachsenwerden und das damit drohende Spießer-Leben. Doch neben politischen Inhalten und gesellschaftskritischen Tracks wird auch deutlich gegen Deutschrap und den dazugehörigen Lifestyle gefeuert. Neben „Nicht die Musik“, wo er auch kleine Seitenhiebe gegen Kollegah und seine Geschäftspraktiken abfeuert, veröffentlichte er mit „Wieviel ist dein Outfit wert“ eine weitere Single im Voraus, die thematisch den heutigen Lifestyle der Jugend, aber auch vieler Rapper perfekt reflektiert. Dabei spielt er natürlich auch auf die Youtube-Videos an, deren einziges Ziel es ist, den Wert eines Outfits zu ermitteln. Vor den Luxus-Boutiquen prahlen die Teilnehmer – teilweise Rapper, Kinder oder Kai Pflaume (ja wirklich) – mit ihren Klamotten und je höher der Wert, desto cooler bist du. In seinen Songs verliert sich Kummer dabei nur selten in Metaphern und spricht Themen in einer seltenen Klarheit an. Dabei verliert er nie den Bezug zur Musik und schafft es, textlich anspruchsvolle Texte und gekonnt gesetzte Beats, Flows und Melodien zu verbinden.

Aber warum muss gerade ein Kummer, der bisher kaum Berührungspunkte mit der Deutschrap-Szene hatte, solche Themen als Erster ansprechen? Traut sich sonst keiner? Warum schafft es sonst keiner einfach mal zu erwähnen, dass diese Coaching-Geschäftspraktiken einfach nur Abzocke sind, rechte Gewalt weiterhin das Land bedroht und dass auch Deichmann Klamotten-Coolness performen können?

„Life ist super nice, da wo man die Schuhe trägt – Life ist nicht so nice, da wo man die Schuhe näht“

– Kummer auf „Wieviel ist dein Outfit wert“

Ja, wir haben zwar erst Oktober, aber was kommt noch? Wenn wir auf den Releasekalender schauen, gibt es unter den heiß erwarteten Alben noch OG Keemos „Geist“, eventuell Haftbefehl mit „DWA“ – doch danach wird die Luft auch schon dünn. Dieses Jahr war eines der stärkeren Deutschrap-Jahre: Wir hatten Döll, wir hatten Tua, wir hatten SSIO und für die jüngere Generation, deren Musikgeschmack ich gar nicht verstehe, war mit Capital Bra, Samra und den „-eros“ auch einiges dabei. Trotzdem kommt nun der Sänger von Kraftklub, veröffentlicht seine ersten Rap-Songs und mischt die ganze Szene mit einer Leichtigkeit auf, als wäre es nichts. Könnte man ja fürs letzte Quartal 2019 als Ansporn sehen, da noch was Besseres rauszuhauen.

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