1. Nikola Jokić – Der wohl größte Draft-Steal der NBA-Geschichte
Das Offensichtlichste zuerst: Nikola Jokić ist vermutlich der größte Steal der NBA-Draft-Geschichte und der beste Beweis dafür, wie weit die spätere Karriere eines Spielers von den Erwartungen an seine Draft-Position abweichen kann. Wie mittlerweile vermutlich jedem Basketball-Fan bekannt sein sollte, wurde Jokićs Draft-Pick im US-Fernsehen nicht einmal live übertragen. Stattdessen lief während seiner Auswahl an Position 41 gerade ein Werbespot von Taco Bell. Viel unspektakulärer kann der Beginn einer der außergewöhnlichsten NBA-Karrieren kaum ausfallen.
Jokić selbst nahm seinen ungewöhnlichen Werdegang nach dem Gewinn der Meisterschaft mit den Denver Nuggets mit Humor. Auf seinen späten Draft-Pick angesprochen, antwortete er: „They didn’t believe in the fat boy. It seems like it worked out. Don’t bet against the fat boy.“
Dass die Nuggets mit diesem Pick einen absoluten Volltreffer landen würden, war allerdings auch ihnen selbst nicht bewusst. Schließlich hatten sie im selben Draft bereits an Position 16 einen anderen Center vom Balkan ausgewählt: Jusuf Nurkić. Jokić war also keineswegs die erste Wahl der Nuggets auf dieser Position. Heute dürfte man sich in Denver ziemlich glücklich schätzen, dass man sich trotzdem auch noch die Dienste des Serben gesichert hat.
Denn aus dem unauffälligen Pick Nummer 41 wurde einer der besten Basketballer, die die NBA jemals gesehen hat. Drei MVP-Auszeichnungen, eine Meisterschaft und ein Finals-MVP später ist Jokić längst in den Geschichtsbüchern der Liga angekommen. Dabei ist es nicht einmal nur seine individuelle Ausbeute, die ihn so besonders macht. Jokić hat das Spiel auf der Center-Position auf eine Art und Weise weiterentwickelt, die vor einigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre.
Ein Center, der nicht nur unter dem Korb dominiert, sondern das Spiel wie ein Point Guard lesen kann. Pässe, bei denen selbst erfahrene Mitspieler manchmal erst im Nachhinein verstehen, was gerade passiert ist. Eine Spielübersicht, die ihresgleichen sucht, und ein Basketball-IQ, der ihn gefühlt immer zwei Schritte voraus sein lässt. Dazu kommen unzählige Triple-Doubles und eine offensive Vielseitigkeit, die ihn praktisch unmöglich zu verteidigen macht.
2. Jalen Brunson – Vom Pick 33 zur New Yorker Legende
Jalen Brunson ist der beste Beweis dafür, dass man selbst dann unterschätzt werden kann, wenn man eigentlich schon alles gewonnen hat. 2018 wurde der Point Guard von Villanova erst an Position 33 und damit in der zweiten Runde gedraftet. Dabei hatte er am College bereits ordentlich abgeliefert: 2017/18 wurde er ins NCAA First Team berufen, gewann mit Villanova die nationale Meisterschaft und wurde 2019 von Sporting News sogar zum College-Basketballspieler des Jahrzehnts ernannt. Von seinen 116 College-Spielen stand er in 115 in der Starting Five. Aber hey, für die ersten 32 Picks hat es offenbar trotzdem nicht gereicht.
Bei den Dallas Mavericks musste Brunson zunächst kleinere Brötchen backen und stand zeitweise im Schatten von Luka Dončić. Sein Potenzial wurde zwar erkannt, die Rolle als unumstrittener Anführer traute man ihm aber offenbar nicht zu. Nach starken Playoff-Auftritten 2022 zog es ihn schließlich zu den New York Knicks. Und während Dallas sich vermutlich noch heute fragt, ob man ihn nicht doch hätte halten sollen, entwickelte sich Brunson in New York zum Gesicht einer ganzen Franchise.
Er übernahm Verantwortung, wurde zum All-Star, führte die Knicks zurück in die absolute Spitze und krönte seine Geschichte 2026 mit dem NBA-Titel. Im entscheidenden Finalspiel gegen die San Antonio Spurs legte er 45 Punkte auf und wurde zum Finals MVP gewählt. Der Junge, für den 32 Teams im Draft keine Verwendung hatten, brachte New York also tatsächlich die Meisterschaft. Manchmal ist der beste Pick eben der, den man erst gar nicht haben wollte.
3. Stephen Curry
2009 wählten die Golden State Warriors Stephen Curry an Position 7. Sechs Spieler waren also vorher dran – darunter Hasheem Thabeet. Der wurde Zweiter im Draft, Curry dagegen veränderte den Basketball. Läuft für manche, läuft für andere eher nicht.
Schon am College bei Davidson ließ Curry mit seinem Dreier aufhorchen. Trotzdem gab es Zweifel, ob der schmächtige Guard körperlich in der NBA bestehen könnte. Die Antwort lieferte er mit Würfen aus Entfernungen, bei denen andere Spieler erst mal einen Arzt rufen würden. Mit den Warriors gewann er vier NBA-Titel, wurde zweimal MVP und machte den Dreier zur gefährlichsten Waffe des modernen Basketballs.
Und als wäre das nicht genug, legte Curry bei Olympia 2024 in Paris nach: Im Finale gegen Gastgeber Frankreich führte Team USA mit nur drei Punkten, als Steph in den letzten Minuten vier Dreier in gut zwei Minuten versenkte. 24 Punkte insgesamt, Gold für die USA – und für die französischen Fans vermutlich ein paar neue Gründe, nachts wach zu liegen. Zum Abschluss gab’s seinen berühmten „Night Night“-Jubel.
4. Tyrese Maxey
Die Philadelphia 76ers haben mit den Trades rund um Jaylen Brown und LeBron James für die Saison 2026/27 ein Zeichen rundum die Championship gesetzt. LeBron James, Jaylen Brown, Joel Embiid, Top-Rookie VJ Edgecombe – und mittendrin Tyrese Maxey. Doch während sich bei diesem Star-Aufgebot eigentlich jeder um den Ball streiten könnte, glänzt vor allem Tyrese Maxey in den ersten Partien: In den ersten sieben Saisonspielen kommt er auf starke 29,1 Punkte pro Partie.
Dabei war Maxey ursprünglich alles andere als als kommender Superstar eingeplant. 2020 wurde er an Position 21 gedraftet und sollte zunächst vor allem von der Bank helfen. Seinen Durchbruch schaffte Maxey 2023/24: Mit durchschnittlich 25,9 Punkten, 6,2 Assists und 3,7 Rebounds wurde er erstmals All-Star und zum Most Improved Player (MIP) gewählt. Aus dem Ergänzungsspieler war ein Leistungsträger geworden, der offensiv kaum zu bremsen ist.
Jetzt wartet die nächste Herausforderung: In Philadelphia muss Maxey seine Rolle neben gleich mehreren Superstars finden, ohne dabei selbst zum Statisten zu werden. Der bisherige Saisonstart macht jedenfalls Hoffnung.
Vom Pick 21 zum MIP und jetzt zum Star in einem Superteam: Maxey hat sich seinen Platz längst erarbeitet. Ob am Ende alle genug Würfe bekommen, ist eine andere Frage.
5. Giannis Antetokounmpo – Vom unbekannten Teenager zum Greek Freak
Als die Milwaukee Bucks Giannis Antetokounmpo 2013 an Position 15 drafteten, war er ein schlaksiger Teenager aus Griechenland, den viele NBA-Fans kaum auf dem Schirm hatten. Heute kennt ihn jeder als „Greek Freak“. Aus dem unbekannten Nachwuchsspieler wurde ein zweifacher MVP, Defensive Player of the Year und NBA-Champion samt Finals-MVP. Nicht schlecht für einen Pick, wo GMS damals dachten, Anthony Bennett (1. Pick, RIP Cavs), Trey Burke (9. Pick) oder KCP (8. Pick) wäre die bessere Wahl.
Seine Basketballkarriere begann Giannis vergleichsweise spät. Erst als Jugendlicher spielte er in Griechenland ernsthaft auf höherem Niveau, ehe er 2012 bei Filathlitikos in der zweiten griechischen Liga debütierte. Dort fiel er vor allem durch seine außergewöhnlichen körperlichen Anlagen, seine Größe und seine Beweglichkeit auf. Vieles an seinem Spiel war allerdings noch roh: Er war kein fertiger Scorer, kein überragender Werfer und musste sich technisch erst entwickeln. Trotzdem wagten die Bucks 2013 den Sprung und sicherten sich den 18-Jährigen an Position 15. Ein bisschen Risiko war dabei – aber offenbar eines, das sich gelohnt hat.
Was danach kam, war eine Entwicklung, die selbst im NBA-Kosmos ungewöhnlich ist: Giannis wurde zu einer kaum zu stoppenden Mischung aus Kraft, Tempo und Athletik. 2021 führte er Milwaukee zum ersten Meistertitel seit 1971 und legte im entscheidenden Finalspiel gegen Phoenix 50 Punkte auf.
Pick 15, zwei MVP-Trophäen und ein Meistertitel: Giannis ist der perfekte Beweis, dass man für einen Superstar nicht zwingend einen Top-3-Pick braucht.