19. August 2019
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Das Ende unserer Helden – Folge 1: Olson

Das Ende unserer Helden – Folge 1: Olson

Fotoquelle: Cover: Olson - Ballonherz
 

Jede Generation kennt das Gefühl, wenn die Helden der Jugend sich zu fragwürdigen Aktionen hinreißen lassen. Sei es ein Spitzenstürmer, der mit 29 nach China oder Saudi Arabien geht, ein Actionheld, der wegen Geld ins Romantic-Comedy-Genre wechselt oder eben ein Rapper, der seinen Stil ändert. Genau mit Letzteren will ich mich in dieser neuen Rubrik befassen und ich garantiere Euch: Das wird unangenehm.

Gleich in der ersten Ausgabe tue ich mir selbst keinen Gefallen, denn ich durchlebe jetzt nochmal die komplette Zerstörung eines meiner Jugendhelden. Es muss im Herbst 2009 gewesen sein, als ich erstmals von Olson Rough gehört habe. Beim wilden Download einer zufälligen Ansammlung von Free-EPs (ja genau das war vor Spoitfy) gesellte sich auch seine Demo „Rudeboy“ auf meine Festplatte. Ab dem Moment, wo ich die Songs das erste Mal hörte war ich Fan. Da war ein Straßenrapper der nicht von Schießereien erzählte, ohne Migrationshintergrund, aber trotzdem keine Lobenshymne auf das Deutsch sein und ohne Storys von Gangstrukturen und Kokaindeals in den Songs, der trotzdem viel zu erzählen hatte. Olson Rough rappte von Kneipenschlägereien, Alkoholexzessen und dem spätjugendlichen Rebellentum, das ich in genau dem Moment selbst auch durchlebte. All das mit seiner einprägsamen, kräftigen Stimme technisch stark und solide gerappt vorgetragen, dass die Tracks sich bis heute nicht verstecken müssen und so begleitete Rudeboy über Monate unsere Wochenenden. Aus heutiger Sicht wirkt das eine oder andere Vocalsample vielleicht etwas seltsam, aber das war damals eben der Style. Das Release verbreitete sich, Olson Rough wurde Schritt für Schritt bekannter und spätestens als er bei Vegas neuem Label unterschrieb war der Hype perfekt: Er spielte erste Festivals, produzierte Freetracks wie am Fließband und hielt dennoch das Niveau.

Die Szene wartete gespannt auf das erste große Album, aber es kam völlig anders. Lang hielt die Labelbeziehung nicht, denn Olson strich das Rough aus seinem Namen, kehrte den Freunden von Niemand den Rücken und änderte seine Optik hin zu Föhnfrisur, Undercut und V-Ausschnitt. Wir warteten gespannt und hoffnungsvoll auf die angekündigte EP „40213“ die mit „Halt mich fest“ den stimmungstechnisch besten Song in Olsons gesamter Discographie beinhaltete, allerdings auch ersten Popkitsch, Partybeats und mäßige Gesangseinlagen. Tschüss Straßenrap, jetzt ging es in den Texten – abgesehen von ein paar deepen Nummern – nur noch um Party, „random girls“ und bemüht mehrdeutige Poesiealbenmetaphern. Noch hatten wir Hoffnung, die jedoch vom Nachfolgealbun Ballonherz zerschlagen wurde: Dieser Mann, den wir jahrelang als große Straßenraphoffnung angepriesen hatten schien eine neue Zielgruppe erschlossen zu haben: Teenagermädchen! Plötzlich ernannte er sich selbst zu James (fucking) Dean und veröffentlichte unangenehm kitschig melancholische Lieder über Liebe und Zukunftsangst. Es wirkte als versuchte er in der Zeit des maximalen Casper Hypes einen Casper-Pop-Hybrid zu erzeugen, all das so massentauglich wie möglich inszeniert und der Erfolg schien ihm irgendwie sogar recht zu geben.

Danach kam nicht mehr viel. Sei es aus Faulheit, Perfektionismus oder wegen anderer Projekte, jedenfalls hätte ich schon fast vergessen, dass der gute Mann existiert, würden mir nicht immer wieder 10 Jahre alte Textfetzen von seinem Debüt in den Kopf schießen – wo auch immer mein Verstand die hernimmt. Heute dümpelt Olson irgendwo in der Bedeutungslosigkeit herum, erzielt auf seinen neuen Videos Klicks im mittleren 4-stelligen Bereich und ich kann mich nur fragen, was hätte sein können, wenn er der Straßenrapper geblieben wäre.

Aber er macht lieber sowas und trotzdem wünscht man ihm irgendwie viel Erfolg damit… um der alten Zeiten willen.

P.S.: Kollin feiert dich trotzdem.

 

 

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