24. November 2020
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Gentleman im Interview: „Ich glaube fest an die Chance in der Krise“

Gentleman im Interview: „Ich glaube fest an die Chance in der Krise“

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Wenn man von Legenden spricht, dann darf man in diesem Kontext Gentleman aus Köln nicht außer Acht lassen. Nicht nur weil er am 20.11.2020 sein neues, komplett auf Deutsch performtes, Album „Blaue Stunde“ an den Start bringen wird, auch weil er einfach ein unfassbar sympathischer Typ mit maximal vertretbaren Werten ist, haben wir uns mit ihm unterhalten…

Gentleman, wie geht’s dir? Bist du gut drauf nach dem Release mit Sido?

Ja man, ist vielversprechend, die Kommentare sind alle positiv, die Leute fühlen das, es gibt wenig Haters. Sido und ich kennen uns schon seit 20 Jahren, da war immer Thema „Lass mal einen Song zusammen machen“ – hat jetzt zwei Dekaden gedauert – jetzt haben wir einen zusammen „Schöner Tag“. Die Ironie da drin ist ganz geil, es gibt ganz schön viel abfuck, aber wir kommen irgendwie damit klar. Der Song kam vor zwei Wochen am Freitag raus und das Ganze ist sehr promising.

Ich habe mir deine sechs Singles vom Album „Blaue Stunde“ die schon draußen sind viel angehört und auch viel angeschaut auf YouTube, mit den offiziellen Videoauskopplungen. Die Leute drehen ja förmlich durch in den Kommentaren untendrunter, vor allem, weil du auf Deutsch singst, das erste Album auf Deutsch machst. Nimmst du das auch so wahr, dass die Leute komplett am Teller drehen deswegen?

Ich versuche immer Lob und Kritik nicht zu nah an mich ranzulassen, so allgemein. Es ist natürlich irgendwie mega motivierend zu sehen, dass die Leute das fühlen. Den Gedanken mal was auf Deutsch zu machen, den hatte ich schon ewig, seit 20 Jahren eigentlich, es hat nur nie so richtig angefangen. Die Frage war: „Wann fängt man damit an?“ Dann habe ich „Sing meinen Song“ gemacht und habe von „Marc Forster“ nen Song gecovert, ne Reggae-Version und habe gemerkt auf Deutsch singen ist überhaupt kein Fremdkörper, ganz im Gegenteil, das fühlt sich mega vertraut an. Das war die Geburtsstunde sich mal hinzusetzen, in verschiedenen Camps, um mal Sachen auszuprobieren. Jetzt ist das dreieinhalb Jahre her, ich habe angefangen mit dem Projekt vor dreieinhalb Jahren und ich habe mir das ehrlich gesagt alles viel einfacher vorgestellt. Am Ende des Tages hat es einfach ein bisschen gedauert, bis auf Deutsch auch mal was flowed und rollt. Auch ne Sprache in der Sprache zu finden, das war ein mega langer Prozess. Jetzt habe ich 16 Songs die ich mit gutem Gewissen loslassen kann. Ich glaube es gab so 80 Demos und jetzt ist jeder Song der auf dem Album ist wirklich Herzblut. Ich bin jetzt halt mega gespannt was damit passiert. Ich fühle mich wie ein Newcomer nach 20 Jahren. Hätte ich jetzt ein Album auf Englisch gemacht dann wäre das so „Okay, ja das kennt man schon“, dann wäre das gar kein „surprise effect“. Auf Deutsch ist einfach mal so „WOW“. Du musst dich nackig machen, du singst direkt in die Seele rein, jedes Wort wird verstanden, das ist ein anderer Schnack. Aber trotzdem ist es mir auch immer wichtig durchzukommunizieren, dass ich nicht vorhabe jetzt auf Deutsch zu singen. Ich bin ein international Artist. Ich habe das nie bereut auf Englisch zu singen, weil sonst wäre ich nicht in Afrika oder Südamerika getourt oder in Amerika. Jetzt gibt es halt dieses deutsche Album und mir ist es ganz wichtig auch diese dritte Instanz fallen zu lassen. Es gibt drei Instanzen: Die Leute fühlen den Typen, die Leute fühlen den Vibe, aber bei den Lyrics hat es aufgehört. Es war mir immer ein Dorn im Auge, dass in den Breitengraden in denen ich die meisten Konzerte spiele und vielleicht auch die meisten Karten verkaufe, dass da der Großteil der Lyrics nicht verstanden wird.

Und jetzt versteht dich ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz. Kommen da auch manchmal so Reaktionen wie: „Wow, ich habe das damals gar nicht so richtig verstanden und jetzt blicke ich erstmal was für eine Tiefsinnigkeit die Texte haben“?

Vielleicht, also hoffe ich so ein bisschen. In dem Moment in dem du in deiner Muttersprache singst und die Leute auf einmal jedes Wort verstehen und dass dann auch noch rollt, in dem Moment hat das eine ganz eigene Magie. Und die gab es vorher halt nicht. Vorher war das eher das englische Ding. „Schau an, das ist der Typ aus unseren Breitengraden und er geht nach Jamaika“ und jetzt ist das so „Warte mal der singt auf Deutsch“ das ist ein krasser step, da passiert viel, emotional aber auch rational und ich merke das auch auf den Live Shows. Vor zwei Jahren habe ich auf Tour ein paar deutsche Songs schon mal ausprobiert und dort habe ich gemerkt „Alter Schwede, da passiert was auf der emotionalen Ebene“. Das war ne sehr krasse Erfahrung. Und jetzt finde ich mich langsam in diesem Deutsch Ding zurecht und merke, dass da noch Luft nach oben ist. Ich arbeite aber auch grade wieder an englischen Songs, ich mache ein englisches Album. Das ist eben das Glück, wenn man auf Englisch singt, kann man in Afrika und Amerika Touren und auf Deutsch ist das Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Hast du das Gefühl, dass du dich nochmal komplett neu erfunden hast mit dem Album?

„Neu erfinden“ ist immer so eine Aussage…Also was ich merke ist, dass alles viel intensiver wird, in dem Moment in dem dir bewusst wird, jetzt wird wirklich jedes Wort verstanden. Das schwierigste war tatsächlich diese Sprache in einer Sprache zu finden. Das war ein langer Prozess. Mal anders ausgedrückt: Wenn du das Album hörst, dann lernst du mich viel besser kennen. Man kann sich hinter den Patois-Lyrics auch manchmal ein bisschen verstecken und das funktioniert auf Deutsch nicht, da ist alles sofort da. Na klar ist das ein sprachlich begrenzter Raum mit deutsch, ich weiß auch nicht wie die Leute woanders auf der Welt darauf reagieren, aber für mich ist das ein richtig freshes Ding, etwas was ich noch nie hatte.

Ein freshes Ding ist auch, dass du drei Deutschrap-Künstler mit aufs Album nimmst, ist das mehr Hip-Hop Einfluss als zuvor?

Ne, auf dem ersten Album „Troding on“, da waren die „Massiven Töne“ drauf, da waren „Freundeskreis“ drauf, da war „Afrob“ drauf. Ich habe immer einen Bezug zu Hip-Hop gehabt. Ich habe 2003 einen Song mit „Curse“ gemacht, habe mit den „Beginnern“, später mit „GZUZ“ das Ding gemacht. Es gab immer einen Bezug zu Hip-Hop, es gibt einfach viele Parallelen. Hip-Hop, Reggae, Dancehall, das ist Mucke von der Straße. Jemandem eine Stimme geben, der keine Stimme hat, darum geht es son bisschen. Und da sind einfach viele Parallelen, es hat sich für mich nie gebissen. Es war immer in einem Flow. Und ich führe das jetzt einfach so weiter.

Mit sehr sehr coolen Gästen jetzt, „Summer Cem“ drauf, „Luciano“ und „Sido“. Was mir auch besonders aufgefallen ist, ist der Track „Devam“ mit „Ezhel“ und „Luciano“ und der türkischen Hook. Auch extrem stabile Accoustic Version gibt es davon. Wie kam zu dieser Kollaboration, dass es die drei Künstler auf einem Track sind, wer hatte die Idee?

„Ezhel“ hatte ich so ein bisschen auf dem Schirm. 2004 habe ich einen Song mit „Mustafa Sandal“ gemacht. Daraufhin habe ich gemerkt was Musik für eigentlich für einen unfassbaren Stellenwert hat. Völkerverständigung ist hier das Stichwort. Ich habe den Song mit „Mustafa Sandal“ 2004 aufgenommen und bin danach in meinen Dönerladen gegangen und alle haben gesagt „Warte mal, du hast den Song mit „Mustafa Sandal“ gemacht? Dein Döner ist for free!“ Immer wenn ich da hin gehe kriege ich meine Döner umsonst. 20 Jahre später mache ich einen Song mit „Ezhel“, der einfach einen unfassbaren Spirit hat und ich glaube die ganze Thematik, auch „Black Lives Matter“ auch Völkerverständigung…Wenn drei Typen aus verschiedenen Genres, mit ner komplett verschiedenen Einstellung einen Song zusammen machen, dann ist dass das beste Statement was man geben kann.

Ich hatte auch ein bisschen das Gefühl, dass du es gerne magst auf den Songs vom Album die jetzt schon draußen sind, über Zufluchtsorte oder auch Pausenzustände zu singen. „Time Out“, „Garten“, „Staubsauger“ – hast du ein persönliches Ventil oder einen persönlichen Staubsauger, wenn du mal denkst „Boah dicka mir ist alles viel zu viel, ich habe keinen Bock grade!“?

Also Staubsauger ist ja zustande gekommen weil ich festgestellt habe, dass wenn ich staubsauge, geht es mir gut. Bedeutet, da liegen Krümel auf dem Boden, du saugst und der Sound den der Staubsauger macht, wenn man Krümel aufsaugt, da läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich habe das Gefühl da gibt es einen „instant success“, man hat sofort ein Erfolgserlebnis. Du hältst den Staubsauger auf etwas drauf, da ist halt Dreck und dann saugst du und der Dreck ist weg. Du hast ein sofortiges Erfolgserlebnis und das war die Inspiration für den Song. Ich finde es halt auch sehr wichtig in dieser Zeit die so ultra schnell ist, in der alle so mega hyped sind, immer einen Ort zu finden an dem man reflektieren kann. Oder einen Raum zu finden. Oder einfach die Zeit zu finden zu reflektieren. Das ist für mich immer essentieller, einfach dieses Ding „Wo bin ich?, wo will ich hin?, wo war ich?“ Sich diesen Raum zu erlauben, zu sagen „Okay ich checke jetzt mal was hier gerade on ist“, das ist was mich persönlich immer ein Stück weiter bringt. In dem Moment indem ich Zeit für Reflektion habe. Durch Corona ist jetzt natürlich eine Zeit in der wir alle im Lockdown sind. Ich war lange nicht so lange an einem Ort und das hat eine unfassbare positive Energie auch, dass ich merke, ich setze mich mit Sachen auseinander mit denen ich mich vorher nicht auseinandergesetzt habe. Diese Dankbarkeit, mal nicht nach irgendetwas zu streben, sondern einfach mal dankbar zu sein für das was da ist, das schwingt alles da drin mit. Es ist ein „Vibe of reflection“.

Das ist krass, du hast auf dem neuen Album auch die Line „Früher machte mich so wenig glücklich, heute ein Sonnenuntergang“ – Das zielt ja wahrscheinlich genau auf solche Momente ab, auf die Reflektionsmomente?

Absolut, voll und ganz!

Ich habe das mit vielen Interviewgästen oder Menschen mit denen ich gesprochen habe. Künstler, Rapper usw. immer wieder gehabt. Die Menschen haben eigentlich alles und vieles erreicht und sind dann an diesem Moment an dem sie denken „Genießen für mich selbst kann ich’s jetzt trotzdem nicht, weil ich hetzte jetzt schon wieder zum nächsten Standpunkt, zum nächsten Projekt“ und das ist so ein bisschen der Struggle, der Abfuck.

Ja absolut, du hast es auf den Punkt gebracht. Also nicht immer irgendwas erreichen zu wollen, oder nach etwas zu streben, sondern einfach mal zu sagen: „Ich bin dankbar für das, was da ist“. Ich glaube was Corona mit uns allen so ein bisschen macht, ist viel mehr im Moment zu sein. Also nicht mehr irgendwie so: „Hier ist die Zukunft, das war gestern“ sondern man kann einfach nichts planen und das zwingt einen dazu im Moment zu bleiben und das fühlt sich sehr, sehr gesund an. Ist eine gute Entwicklung.

Die Corona Nummer ist für dich wahrscheinlich auch die längste Pause auf Bühnen jemals oder? Du bist ja seit über 20 Jahren unterwegs, das ist für dich jetzt wahrscheinlich ganz ganz krass?

It’s fuckin strange man! Wir haben halt ein paar Autokino oder Strandkorb Dinger gemacht. Wir haben zehn Konzerte gespielt, normalerweise spielen wir so 80, überall auf der Welt. Mir wird halt bewusst, wie sehr ich manche Sachen einfach vermisse. Es gibt son Ding: “When the world run dry“, dieses Ding, nicht mehr planen zu können. Und alles ist nur noch im Moment und das gleichzeitig global, das gab es ja noch nie…Dieses nicht wissen was morgen kommt, das gab es halt noch nie und dann auch noch zeitgleich überall auf der Welt, das ist schon echt ein krasser Wahnsinn der da grade passiert. Ich glaube aber fest an die Chance in der Krise. Das heißt, wenn wir da rauskommen und das werden wir irgendwann, dann gibt es eine Explosion, eine Lebensfreude. Dann wissen die Leute wiedermal zu schätzen was es bedeutet jemandem die Hand zu shaken, jemanden in den Arm zu nehmen.

Ich hoffe so sehr, dass es so abläuft!

Es wird so sein, die Frage ist nur wann! Aber irgendwann wird das so sein und ich glaube die Menschen checken mittlerweile „Alter Schwede wir müssen das mehr appreciaten was wir hier eigentlich haben mit unserem Leben. Reisen zu können, jemanden in den Arm nehmen zu können“ . Das ist ein side effect, aber ich glaube, oder meine Hoffnung ist, dass es in eine andere Richtung geht.

Was ist denn das Erste was du machen wirst wenn man wieder normal leben kann?

Wildfremde Menschen umarmen, oder einfach mal jemandem die Hand geben und dann nicht loslassen, Konzerte spielen!

Einfach mal durch Köln laufen, mal wieder nen gratis Döner reinhauen und Leute umarmen, so muss das…Kommen wir nochmal kurz zur Musik…Ich habe mich gefragt: Wenn man Songs von dir in der Vergangenheit gehört hat, oder auch die heutigen, viel davon handelt von Liebe, von positiv zum Leben stehen, nicht nur aber oft. Wenn du jetzt mal Reggae und Dancehall so ein bisschen beiseitelässt und nur die Deutschrap-Szene betrachtest, denkst du dass das manchmal fehlt im Deutschrap? Diese Liebe?

Also das was fehlt, das kann ja noch kommen. Ich glaube es ist ganz wichtig auch immer „In the streets zu sein“ das heisst: Wie ist das Momentum? Wie fühlen sich die Menschen? Und das ist was Rap und Hip-Hop macht. Den Leuten ein Signal zu geben – Hey passt auf, wir sind nicht alleine in euren Gedanken „we feel it, ist a fuckin struggle“- On top of that, glaube ich, dass es ganz wichtig ist, auch immer irgendwie ne MEssage zu haben. Die Leute sind ja nicht dumm, die merken irgendwie „Meint er das, oder meint er das nicht so?“ und ich bin halt fest davon überzeugt, das wir am Ende des Tages Lernwesen sind. Das heißt wir lernen aus unseren Fehlern und wir werden irgendwie geistiger. Manchmal braucht es ein bisschen Geduld und Hip-Hop kann das schön untermalen. 

Eine letzte Frage: Was wird die musikalische Zukunft für dich bringen, außer ein weiteres englisches Album wie vorhin genannt? Was wird geschehen? Kannst du das schon so ein bisschen planen zumindest?

Ne planen kann ich gar nichts. Ich mache halt Songs die ganze Zeit. Ich mache gerade einen Song mit „Alkaline“, mit „Concience“, mit „Christopher Martin“. Ich nehme halt Songs auf, weil mir das extrem guttut, ohne daran zu denken wie der Song bei irgendwem rüberkommen könnte, sondern einfach mit dem Momentum. Ich glaube Musik ist sehr wichtig grade. Ich glaube die Leute brauchen Musik und auch das Signal von der Politik was ja fehlt, dass Kultur eben nicht verzichtbar ist, sondern Kultur ist Menschenrecht! Kultur ist kein Luxus. Wir werden so ein bisschen abgestempelt und da schwingt ganz viel mit. Ich glaube halt dass wir es in der Hand haben auch Dinge zu verändern. Das ist grade mein Vibe, einfach das was passiert…Es gibt grade total viel Stoff, es passiert viel zu viel grade auf unserer Welt. Wenn du Musiker bist, da hast du so viel Inspiration. Ich kann immer eher aus dem „pain“ aus agieren, als aus der „joy“. Wenn alles cool ist und alle sind happy, dann würde ich nichts mehr zu schreiben haben. Da ist grad richtig abfuck am start? Ja man! Und das manifestieren wir jetzt mal in Musik! Das ist immer mein Anspruch, das was grade passiert. Ich bin wie ein Spongebob. So sollte jeder Artist sein, ich sauge alles auf und manifestiere das in Musik, in Lyrics, in den Beat und das ist der Vibe. 

Tolle Schlussworte, danke dir Gentleman!

Isaiah!

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