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Als ich in der vergangenen Woche durch Umwege nach längerer Zeit mal wieder auf dem Selfmade Records Kanal gelandet bin, wurde ich ein wenig traurig. Die neuesten Uploads: „Ja Sichael“ und „Ti Amo“ von den 257ers. Zuvor: ein Paar Favorite Singles, die eigentlich kaum beachtet wurden und Standard-Promo für ein Best-Of Album von Kollegah. Okay… Blicken wir acht Jahre zurück. Wenn man zu dieser Zeit über Deutschrap geredet hat, kam man an Selfmade Records nur schwer vorbei. Das Independent Label, welches nach Aggro Berlin einer breiterern Masse wieder härteren Rap präsentieren konnte, feierte einen Erfolg nach dem anderen. Label-Head Elvir hätte vermutlich das komplette Selfmade-Büro mit Gold- und Platinplatten tapezieren können. Die Namen der Signings klangen schließlich mehr als vielversprechend: Mit einem Kollegah zu seiner frühen Blütezeit, der mit Farid Bang und „Jung, Brutal, Gutaussehend“ so ziemlich jeden Preis holte, den es zu holen gab und einem Favorite, der mit „Christoph Alex“ einfach so einen rohen, düsteren, aber auch konzepttreuen Sound brachte, wie selten jemand zuvor. Später kamen noch Genetikk dazu, die mit D.N.A. eine Platte mit Klassikerpotential lieferten und deren Gedanken damals eher ihrer Musik und weniger dem Kommerz galten. Außerdem Karate Andi, welcher nach seinen grandiosen Auftritten bei Rap am Mittwoch als aufstrebender Newcomer gefeiert wurde. Nun, einige Jahre später, scheint Selfmade Records nur noch ein Schatten seiner selbst und den Jahreshöhepunkt bildet ein neues Release der 257ers, das sich zur Hälfte an ihre „Mutanten“-Fanbase und zur anderen Hälfte an zugedröhnte Malle-Urlauber richtet. Und genau hier liegt das Problem.

 

 

Während Selfmade einst für seinen harten Sound bekannt war, wollte sich das Label mit der Zeit mehr und mehr an den Mainstream richten. Kollegah mit motivierenden „Du bist Boss“-Hymnen, Genetikk mit „Wünsch dir Was“ sowie radiotauglichen Sido-Features und was die 257ers halt so machen muss vermutlich nicht näher erläutert werden. Ich bin mir an der Stelle ziemlich sicher, dass sich das Label musikalisch zu sehr bei seinen eigenen Künstlern einmischen wollte. Das beste Beispiel wäre wohl Favorite, dessen letztes Album „Alternative für Deutschland“ so hart gefloppt ist, dass es nicht mal einen Eintrag auf seiner Wikipedia-Seite erhalten hat. Man konnte hier Zeuge der wohl schlechtesten Promophase und Label-Entscheidungen aller Zeiten werden und sogar einige bekennende Fans haben laut Kommentaren nicht mal mitbekommen, dass ein Album gedroppt wurde.

Favorite selbst gab nur einige Wochen nach Albumrelease und dem Abgang von Selfmade Records ein Interview bei Hiphop.de und erläuterte selbst die genauen Gründe (kann man sich hier anschauen). Dazu muss ich sagen, sein Album „AfD“ ist definitiv nicht seine Glanztat und den großen Erfolg hätte er mit diesen Songs ohnehin nicht gefeiert, aber auch hier kommt das Management von Selfmade ins Spiel. Laut Aussagen seiner Produzenten waren weitaus mehr als 30 Songs fertig, viele ziemlich düster und roh, allerdings bestimmte das Label, welche der Songs es am Ende tatsächlich auf das fertige Album schaffen. Was dabei rauskam: 15 Songs, die alle gar nichts mehr mit Favorite zutun hatten. Gefühlt war es Selfmade aber auch scheißegal, ob das Album nun Erfolge feiert, denn Favorites kommerzieller Zenit war sowieso längst überschritten und versprach im Vergleich zum restlichen Künstlerpool nicht mehr das dicke Geld.

Parallel signte auf „Division“, einem neugegründeten Label mit maßgeblicher Beteiligung von Elvir, auch noch RIN. Ob hier inzwischen all die Energie investiert wird? Und warum wurde RIN nicht direkt bei Selfmade Records gesignt? Wäre das nicht genau das richtige Zeichen für das Label gewesen? Während sich andere Labels dem aktuellen Zeitgeist anpassen, wie zum Beispiel Chimperator, die in Zukunft Alben nicht mehr nach herkömmlicher Promophase releasen, sondern nach und nach als Playlist. Doch unter diesem Aspekt wirkt es doch viel mehr so, als hätte selbst Elvir nicht mehr die nötige Motivation, das Label erneut aufzubauen. Um den Bogen zum Anfang zu spannen: Bei Selfmade sollte endlich mal jemand seine Eier auf den Tisch hauen und das Ding für beendet erklären. Wenn der Jahreshöhepunkt mit Singles a la „Holz“ und „Holland“ erreicht ist, kann man eigentlich keinen Label-Fan mehr glücklich machen. Selfmade Records, welches einst als das härteste Straßenrap-Label und Kaderschmiede frischer Talente galt, wirkt mittlerweile nur noch wie eine Produktionsstätte für potenzielle Mallorca-Playlist-Singles. An die Vergangenheit kann mit einer solch halbherzigen Führung wohl nie mehr angeknüpft werden.