Stellt euch mal vor, Ihr macht eine Deutschrap-Playliste an oder hört die neuen Videoauskopplungen am Freitag und stellt fest, dass alle Songs einen eigenen Sound haben. Nichts hört sich gleich an, die Künstler konzentrieren sich auf Ihre Stärken und probieren, sich von den aktuellen Trends abzusetzen. Niemand versucht, den aktuellen Hypes hinterher zu rennen, sondern probiert, etwas eigenes zu erschaffen. Das ist ein ziemlich schöner Gedanke, nicht wahr?

Leider aber sind wir relativ weit davon entfernt. Sofern auch nur ein Album in Deutschland kommerziell einen riesigen Erfolg feiert, sind die Horden von Nachahmern nur noch eine Frage der Zeit. Erinnern wir uns zum Beispiel mal an all die Casper-Klone, die nach XOXO plötzlich aufkamen, als nach dem JBG-Erfolg plötzlich alle von ihrer „erwachsenen Musik“ zurück zum Straßenrap kehrten, oder eben das ganz aktuelle Beispiel: Palmen aus Plastik. Seit diesem Album wirkt es wie ein ungeschriebenes Gesetz, auf jedes Release mindestens einen Sommersong untermalt von einem Afrotrap-Beat zu bringen. Selbst wenn dieser Song nicht mal in das Albumkonzept passt. Es muss Ihn einfach geben. Bonez und Raf hatten damit ja einen riesigen Erfolg, also muss man es aus Sicht der Künstler eben auch mal probieren. Schlauer Ratschlag: Nein, muss man nicht. Der Erfolg des Albums basiert auch auf die Tatsache, dass es eben in Deutschland zu der Zeit völlig neu war. Gut drei Jahre später ist es das eben nicht mehr und niemand will den 300. Song hören, der sich wie eine Kopie der Kopie anhört.

Unser Problem an der Sache? Dass sich plötzlich niemand mehr auf seine Stärken besinnt, auf das, was man eigentlich beherrscht und was den Künstler von der Masse abhebt. Nehmen wir zum Beispiel mal Capo oder Nimo von den Azzlacks, die nun unter Capimo gemeinsame Sache machen und ihr erstes Kollabo Album releasen. Mir kann wirklich niemand erzählen, dass Ihre Afrotrap-Songs und das Capimo-Ding auch nur Ansatzweise an ihre Straßenklassiker wie „Nie wieder“ oder „GGNIMG“ ankommen können. Oder dass die härteren Songs von Bonez MC schlechter sind, als seine schon 20 mal irgendwo gehörten Dancehall-Tracks. Hört Euch doch mal den neuen Allstar-Song an, genau so muss ein Bonez MC klingen. Ich erinnere mich auch noch an einen Raf Camora, der vor einigen Jahren noch als einer der besten Texter bezeichnet wurde und mit jedem Song ein kleines Kunstwerk für sich schaffte. Oder oder oder. Die Liste von verschwendetem Potential ist an dieser Stelle sehr lang.

Was wir nicht vergessen dürfen: Wir sind die Konsumenten. Wir müssen nicht den ganzen Tag die Playlisten laufen lassen, wenn dort sowieso nur 30 mal der selbe Song vorkommt. Denn leider tragen ebendiese Playlisten einen beachtlichen Teil dazu bei, was in den Charts landet und was nicht und steuern dadurch auch ein wenig die Künstler, die sich von den Erfolgen Anderer beeinflussen lassen. Wenn keiner mehr Afrotrap hört, dann wird es auch irgendwann nur noch wenige solcher Songs geben. An dieser Stelle appelliere ich an Künstler, Produzenten und Fans, endlich mal wieder auf Vielfalt statt auf aktuelle Hypes zu setzen, vielleicht wird 2019 dann ja auch endlich wieder ein Deutschrap-Jahr, in dem es sich lohnt, neue Releases zu hören. Amen.