6. Dezember 2019
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Tua im Interview: „Wer das Neue pauschal verurteilt, der sollte sich fragen, ob er vielleicht grade sehr alt wird.“

Tua im Interview: „Wer das Neue pauschal verurteilt, der sollte sich fragen, ob er vielleicht grade sehr alt wird.“

Fotoquelle: David Daub
 
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Anlässlich seines neuen Albums haben wir Ausnahmemusiker und Orsons Mitglied Tua zum Interview getroffen.

Hallo Tua. Wir treffen uns direkt nach Albumrelease zum Interview. Wie hast du in den Releaseday reingefeiert? Ganz entspannt oder Riesenparty?

Wir haben mit vielen der Beteiligten und einigen Freunden Party gemacht. Das war relativ wild. Ich bin aber irgendwann heim, als es richtig krass wurde, wollte eigentlich nochmal zurückkommen, aber wurde von meinem Bett gefressen.

Wie zufrieden bist Du, wenn Du das Album jetzt anhörst?

Ich bin zufrieden, weil ich denke, es ist das Beste, was ich zu diesem Zeitpunkt machen konnte.

Würdest Du nachträglich noch etwas ändern?

Ich glaube, das kann ich dir erst sagen, wenn noch mehr Zeit vergangen ist. Ich habe mir das aber alles ziemlich gründlich überlegt. Anders ist es aber mit den Songs auf Konzerten, da kann alles Mögliche passieren.

„Tua“ fühlt sich an, als würdest Du damit den Bogen zu „Grau“ spannen und das Ganze zu einem würdigen Ende führen. Fühlt es sich für dich auch nach Abschluss an?

Fällt mir schwer, im Moment zu sagen, wie das weitergeht, wo ich anknüpfen werde. Den Bogen habe ich jedenfalls absichtlich gespannt und ich wollte auch, dass es sich wie eine Geschichte anfühlt und irgendwie zu einem Ende führt.

„Grau“ wird in Kritikerkreisen als eines der besten Deutschrapalben, wenn nicht sogar DAS beste Deutschrapalbum gehandelt. Wie groß ist der Druck, den Du dir selbst machst, das nochmal zu toppen?

Ich hatte und hab einen hohen Anspruch an mich selbst und wollte auf dem Album nichts übriglassen, was für mich nicht aus vielen Gründen drauf gehört. Ich habe versucht, Lieder zu schreiben, die aus der Zeit fallen, ohne veraltet zu wirken. „Grau“ zu toppen hatte ich dabei nicht im Kopf, dazu liegt es einfach schon zu lange zurück und ich habe zu viel Musik gemacht seitdem. Ich habe aber auf eine Art daran angeschlossen, so könnte für mich zum Beispiel „FFWD“ ein Song von Grau sein.

Denkst du, „Grau“ war seiner Zeit einfach so weit voraus und wurde deshalb im Releasejahr so wenig beachtet?

Ich denke, die Art von Musik, wie ich sie mache, braucht generell etwas Zeit, um sich zu verbreiten. Grade „Grau“ war ja nichts, was einen im Vorbeigehen anspringt, sondern darauf muss man sich einlassen. Damals war ich aber auch als Mensch überhaupt nicht weit genug, um eine Vermarktung des Ganzen vernünftig zu stehen.

Stört es dich eigentlich manchmal, heutzutage noch so oft über „Grau“ zu reden – oder macht dich das eher stolz?

Stören tut es mich überhaupt nicht, aber es da ist eben ein altes Ich abgebildet, mit dem ich nicht mehr viel zu tun habe.

Die Szene und deine Fanbase haben hohe Erwartungen an deine Releases. Ist das mehr Fluch als Segen?

Nein, das ist mehr Segen. Außerdem ist es schön, dass die Leute genau hinhören, dann lohnt es sich umso mehr, sich Mühe zu geben. Darüber hinaus denke ich, dass es „die Szene“, die es vor paar Jahren noch gab, so gar nicht mehr gibt.

Du schreibst „Es ist ein Album und muss als Album gehört werden“ – Ist das dein Statement an die kurzlebige Streamingwelt, wo Rapper jede Woche neue gleichklingende Lieder veröffentlichen?

Nö, mir ist ziemlich egal, was die machen. Für dieses Album hat der Inhalt die Form diktiert, dabei spielt es mir eher in die Karten, dass es dann schon fast wie ein Statement wirkt, wenn man ein klassisches, „richtiges“ Album macht.

Wie schwer war es unter diesen Umständen die Singles für das Album auszuwählen? Ist dir das schwer gefallen oder stand das eigentlich sofort fest?

Auch wenn ich den überwiegenden Teil des Albums selbst, im Sinne von mit meinen Händen, am Rechner und Equipment in meinem Studio hergestellt habe, ist das Ding trotzdem im Teamwork entstanden, weil ich in ständigem Austausch mit anderen Künstlern und dem Label war. Klar kann man auch dann nichts sicher voraussagen, aber ich denke, eine gewisse Objektivität darüber, was funktionieren kann haben wir schon gewonnen. Insofern war das kein so großer Kampf, zu überlegen, was ein Video bekommen soll, was ans Radio geht und so weiter.

Hast du dennoch einen einzelnen Lieblingssong auf dem Album?

Das variiert. Ich mag auf jeden Fall „Tiefblau“ und „Wenn ich gehen muss“ gern.

 

Mit „Vorstadt“ hast Du die Fans direkt da abgeholt, wo sie scheinbar abgeholt werden wollten. Der Song erntete fast ausschließlich positive Kritiken. Hast Du damit gerechnet, dass er derart gut ankommt?

Ich habe es zumindest gehofft, ja.

„Vorstadt“ ist ja eindeutig in drei Phasen unterteilt, wobei soundtechnisch Phase 1 und Phase 3 in sehr starkem Kontrast zueinanderstehen. Wundert es dich, dass der Song dennoch keinen Generationenkonflikt unter deinen Fans auslöst?

Nö. Das widerspricht sich doch alles überhaupt nicht. Finde solche „Konflikte“ eh schwachsinnig. Musik entwickelt sich ständig fort und das ist auch gut so. Wer das Neue pauschal verurteilt, der sollte sich fragen, ob er vielleicht grade sehr alt wird.

Bei den Beats vermischt sich von Boombap bis zu beladenen Bangern und sanft dahinplätschernden Melodien, wie man sie auch aus griechischen Hafentavernen hören könnte, alles miteinander und trotzdem wirkt die Platte wie aus einem Guss. Wie machst Du das, so viele Stile und Klänge zu kombinieren und trotzdem wie eine Einheit wirken zu lassen? Was ist das Geheimnis?

Dafür gibt’s nicht ein bestimmtes Rezept, sondern viele verschiedene. Das sind Sounds, die sich wiederholen, meine Stimme, Stimmungen, Klangbilder, Effekte, Melodieführungen und so weiter. Ich finde gerade das spannend: Einen Stil zu entwickeln, der sich auf viele verschiedene Ideen übertragen lässt.

Könntest Du dir vorstellen, nach dem eher verkopften Album und Riesenprozess dahinter auch mal ein lockeres Mixtape zu machen?

Ein lockeres Mixtape eher nicht, nein. Eher reizt es mich, meine Grenzen zu erweitern.

Obwohl Du immer schon viele Einflüsse aus anderen Genres gezogen und auf deinen Liedern gerne auch gesungen hast, gab es bei dir nie die Diskussion, ob „Tua“ denn jetzt noch Rap ist, womit sich zum Beispiel ein Casper rumschlagen musste, obwohl er viel mehr rappt als Du. Woran denkst Du liegt das?

Das mag jetzt komisch klingen, aber wenn man alles runterbricht, liegt es glaube ich daran, wie wir aussehen und was man uns deshalb zuschreibt.

Auch auf dem aktuellen Album finden sich viele Gesangspassagen. Singst Du lieber als du rappst?

Ja ich denke, ich singe lieber. Es gibt aber Songs, da bieten sich eher Rap-Strophen an, weil so viel Text nötig ist. Im Moment wächst das ja aber eh alles zusammen irgendwie.

Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte gehören dir.

Seid nett zueinander.

 

Fotos: David Daub
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