24. Juli 2019
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Warum Deutschrap Finch Asozial gebraucht hat
Finch Asozial in "Abfahrt"

Warum Deutschrap Finch Asozial gebraucht hat

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„Abfahrt“ hat das Land überrollt. Synthesizer-Sounds, eingängige Party-Hook und Stampf-Hardcore-Partikel damit auch keine Disko trocken bleibt. Die Zyrkus-Produktion hat hier mit Finch ein kleines virales Meisterwerk geschaffen, das Potenzial hat, es über die deutsche Clublandschaft hinaus zu schaffen. Oder zumindest bis nach Mallorca.

„Knallt heftiger als die Tür vom Jobcenter!“, lautet die Resonanz auf YouTube.

Es reicht aber zu mehr als nur „Abfahrt“-Hype. Auch „Ledersklave Frederick“ und „Fick mich Finch“ von Finch Asozial finden Gefallen. Die Tour 2019 ist ausverkauft. Es ist seine erste. Wie weit es das Album schafft, wird sich am 08.03.2019 zeigen – doch eine Platz-1-Platzierung in den Charts ist vorstellbar.

Mit ostdeutschem Selbstbewusstsein tritt Finch Asozial auf die Rap-Bühnen Deutschlands und besinnt sich auf Werte wie Ehrlichkeit, Loyalität und Echtheit. Seine erste EP nennt er „Fliesentisch-Romantik“.

„Ich kauf mir alle zwei Wochen, wenn ich mal zu Rewe gehe, zwei Kerzen, so Geruchskerzen. Und die stell ich mir auf meinen Fliesentisch rechts und links hin. Dann zünd ich die halt an, das leuchtet voll schön, dann kuck ich Fernsehen, dann steht mein Bierchen da und das find ich halt romantisch. Fliesentisch steht ja eigentlich für verrufen, assi, alt, oll, aber die Kombination mit Romantik gibt dem Ganzen so einen gewissen Charme.“ Finch Asozial im Freitag

Jogging-Anzug, Vokuhila und Vulgarität sind sein Markenzeichen. Wolfgang Petry und Schlager hört er gerne, heißt es in der Presseinfo. Dass Finch alias Nils privat wirklich gerne auf der Simme von Kneipe zu Kneipe fährt und dabei Wolle Petry pumpt, fällt ein bisschen schwer zu glauben.

Finch fühlt sich in der Natur zuhause. Foto: Instagram @finchasozial

Das kann man ihm natürlich auch vorwerfen, eine Prise Karate Andi, ein bisschen Uwe Wöllner, fertig ist die Finch-Figur. Doch die Überspitzung trifft eine Lücke im Zeitgeschehen. Seit den 2000er Jahren ist Rap erst feinfühliger geworden, dann edler und geschliffener. Der Gefühls-Rap von Casper hat die Emo-Überbleibsel aufgesammelt und den US-Einfluss in die deutschen Albumcharts gebracht. Die Visions-Tracks von Shindy spielen in einer überdimensionalen Ära der Rap-Ästhetik.

In den Sphären der Hip-Hop-Kultur ist ein Vakuum entstanden für das regionale Schattendasein der Rewe-Markt-Tüte und undurchdachten Frisuren. Dieser Leerstelle bedient sich Finch Asozial und beruft sich auf seine ostdeutsche Identität: Broiler, Pfeffi und Plastik-Vorhänge.

„Cottbus, Halle, Potsdam, Jena, Herz am rechten Fleck und ne stahlharte Leber“ – Finch Asozial im Track „Ostdeutschland“

Er ist die Weiterentwicklung von Pastewkas „Ottmar Zittlau“, ein Gegenentwurf zu Kiddie-Künstlern wie Capital Bra und RIN. Finch ist kein Drake-Abklatsch und bei Cloud-Rap rollen sich vermutlich seine ungeschnittenen Zehennägel hoch. Und er schafft, was er in Interviews als Zielsetzung beschreibt: Er bringt den Osten nach vorne. Zumindest Image-technisch. Omas Fliesentisch muss man jedenfalls nicht mehr verstecken, in den Kommentaren unter seinen Videos grüßen Magdeburger und Dynamo-Dresden-Fans. Auch Westdeutschland zeigt sich begeistert und feiert den Fürstenwalder Flegelrapper.

Damit ist sein Vermächtnis größer als vielleicht selbst vorhergesehen. Man bedient sich nicht aus Amerika oder Euro-Trends, sondern der eigenen Kulturlandschaft. Man kommt ohne Autotune und Supreme aus. Und nebenbei wird der ostdeutsche Coolness-Rückstand abgebaut.

 

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