24. Juli 2019
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Deutschrap-Trends, die der Anfang 30er heute bereut

Deutschrap-Trends, die der Anfang 30er heute bereut

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Die 80er-Jahrgänge haben es nicht immer leicht gehabt. Merkwürdige Modeerscheinungen, Untergrund-Snobs, HipHop-Polizei und das alte CD-Regal. Manche Sünden lassen einen nie los.

Dipset

Anfang des Jahrtausends war es so weit und aus den USA schwappte eine Welle zu uns über. Unsere Eltern waren fassungslos als sie sahen, wie wir uns plötzlich kleideten: XXXXL Poloshirts, billige H&M Silberketten, bunte New Era Caps (aus Gründen, die heute niemand mehr versteht, blieb der Sticker am Schirm) und natürlich die Baggyhosen – ja so verließen wir das Haus und wir fanden es geil. Einige – aus heutiger Sicht noch viel bemitleidenswertere –Vertreter unserer Spezies gingen allerdings noch einen Schritt weiter und traten „all white“ – wie sie es stolz nannten – vor die Tür. „All white“ bedeutete schlicht und ergreifend, dass man aussah wie ein Schneemann an einem warmen Nachmittag im Februar: Weißes Shirt, weiße Jogginghose, weiße Nikes und ein weißes Cap, natürlich alles in Übergröße. Nur der billig funkelnde Modeschmuck durchbrach die weiße Eintönigkeit. Am Punkt größter Lächerlichkeit hörten wir Musik voller Plastikbeats und Vogelgeräuschen von Rappern, die 2019 kaum noch einer kennt. Heute schämen wir uns zwar, aber es ist zu spät – viel zu spät!

Untergrund-Snobs

Was hörst Du so für Musik?“ „Wird dir nichts sagen, ist ziemlich unbekannt.

Wem kommt diese Situation bekannt vor? In Zeiten bevor Rapper die Charts dominierten, waren wir verdammt froh, dass sie es nicht taten. Wir durchforsteten die hintersten Ecken des Internets auf der Suche nach diesem einen Rapper, der aus dem „Studio“ in seinem Schrank heraus Songs machte, die uns mitten ins Herz trafen. Zu gesellschaftskritisch waren seine Texte, zu roh und anspruchsvoll die Beats und darum würde er wohl nie Erfolg haben. Unter Einsatz unseres Lebens promoteten wir diesen Mann in unserem Freundeskreis und hatten Mühe, keine Erektion zu bekommen angesichts des Schatzes, den wir ganz alleine gefunden hatten. Aber wehe, der Erfolg trat ein! Seine Seele hat er verkauft, die alten Fans im Stich gelassen, vergessen wo er herkommt und die neuen Fans sind nur dumme Kinder, die gar nicht verstehen, was für ein Ausnahmekünstler da vor ihnen steht. Meistens war die Musik die gleiche wie davor und nur die Soundqualität besser (der Schrank war mittlerweile gegen ein Tonstudio eingetauscht worden). Aus heutiger Sicht haben wir den meisten Rappern unrecht getan. Außer bei Prinz Pi. Da hatten wir recht.

Ist das noch HipHop?

Wir waren Dogmatiker – jeder von uns! Kaum war ein Song nicht straightester BoomBap oder Gangstarap konnten wir nicht mehr viel damit anfangen. Das höchste der Gefühle war dann schon mal die gesungene Cassandra-Steen-Hook oder das obligatorische Naidoo-Feature in einem wirklich, wirklich traurigen Song über die verlorene große Liebe. Alles andere war kein Rap. Beispielhaft für diese Engstirnigkeit steht wohl schon die Tatsache, dass wir Caspers „XOXO“ im Sommer 2011 absprachen eine HipHop-Platte zu sein, was aus heutiger Sicht einfach nur völlig unverständlich ist.

Das CD Regal

Wie ein Mahnmal steht es in unseren Wohnzimmern – ein Regal vollgepackt mit CDs aus allen Epochen des Deutschrap. Mittelmäßige BoomBap-Alben neben Zeugnissen längst vergangener Hypes bei denen man sich heute kopfschüttelnd fragt, was uns damals nur geritten hat, als wir diesen Schrott geil fanden. Bei jedem Blick auf dieses Überladene Möbelstück rechnen wir unterbewusst masochistisch durch, was wir uns stattdessen hätten kaufen können; CDs im Wert eines günstigen Gebrauchtwagens stehen ungenutzt herum und in Zeiten in denen die CD-Laufwerke sogar aus Autos und Laptops langsam aber sicher verschwinden wirkt dieses Mahnmal musikalischer Fehlentscheidungen nur noch ein bisschen mehr wie ein Schlag ins Gesicht.

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