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Wir haben Dezember und bald kommen sie wieder: Die Jahresrückblicke in denen von „dem besten Deutschrapjahr ever“ gesprochen wird. Jeder Künstler, der halbwegs den Takt trifft kommt in die engere Auswahl im „Rapper des Jahres“ Voting und am Ende wird Palmen aus Plastik 2 vermutlich zum besten Album gewählt – aus Gründen die niemand wirklich nachvollziehen kann. Kaum ein Jahresrückblick wird erwähnen, dass Genetikk ihren Fans nur die Möglichkeit geben das langerwartete D.N.A. 2 zu kaufen, wenn sie auch bereit sind die teure Box zu einem völlig anderen Album zu bezahlen. Ganz zu schweigen, dass D.N.A. 2 zwar den erwarteten Titel trägt, aber aus musikalischer Sicht nicht im Ansatz das erwartete Album ist. Wie formulierten ABBA es einst so treffend: „Money Money Money“. In den Deluxeboxen anderer Rapper finden sich auch noch ganz andere Dinge: Haze hilft seinen Fans beim bestehen der Drogentests mit einer Portion sauberen Urins, während Xatar einen ganzen Raum voll mit Elektroartikeln verlost. Die Box zu bereits erwähntem Palmen aus Plastik 2 war uns sogar einen eigenen Artikel wert (hier entlang)

Auch 2018 konnten wir wieder zahlreiche berechenbare Kollaborationen hören, die man sich mittlerweile aber auch einfach mal hätte sparen können. Hier gilt die Aufmerksamkeit exemplarisch unseren Heckmeck.TV Award Gewinnern Casper und Marteria, die viel zu spät versucht haben, die geballte Kaufkraft ihrer Fans zu nutzen, um nochmal eine monströse Hypewelle zu generieren. Mit „1982“ ist dann allerdings ein eher durchwachsenes Album entstanden, das versucht so viel zu sein und am Ende leider so wenig ist. Den beiden Rappern wird das aber relativ egal sein, denn die Konzerthallen füllen sich auch nach diesem Album weiterhin. Dass man mit solch einem Release auch noch die 1Live Krone für ‚Bestes Album’ gewinnen kann, stellt die Relevanz dieses Awards ebenfalls stark in Frage. Wenn wir schon bei nervigen und berechenbaren Kollaborationen sind, darf man definitiv nicht Olexesh vergessen, welcher mit einem gemeinsamen Song mit Vanessa Mai einiges an Aufmerksamkeit erregen konnte. Die Tatsache, dass dieses Lied mehr Hate einstecken musste, als der Sido-Beitrag auf dem Bibi & Tina Album halten wir zwar für nicht korrekt, aber zum Olexesh-Straßenhustle passt Vanessa Mai definitiv nicht.

Was ist sonst noch passiert? Deutschrap ist ja bekanntermaßen der kleine, behinderte Bruder mit Sprachfehler von Amirap. Dort werden die Trends gesetzt, die ungefähr sechs Jahre später im Deutschrap ankommen und hier dann cirka 20 Jahre lang anhalten, bis auch der letzte Konsument die Schnauze voll hat. Da auch die großen Idole und Vorbilder meist aus Übersee kommen, wird es zum großen Traum vieler Rapper, mal einen Song mit dem Idol aus den Staaten aufzunehmen. Genau solche Kollaborationen konnten wir in diesem Jahr ziemlich häufig hören: Ufo361 mit Quavo, Farid Bang sowie Gringo mit 6ix9ine, Kollegah mit Nas… Die Die komplette Auflistung würde hier den Rahmen sprengen. Für einen 5 Stelligen Betrag scheißt in diesem Fall der US-Rapper 16 Bars aufs Blatt Papier und wenn es gut läuft, hat er diese noch nicht in einem Song verwendet und dreht eventuell noch das Video mit Euch. Es wäre wünschenswert, wenn man dieses Geld doch lieber in die Produzenten, die Videos oder auch mal in eine brauchbare Deluxebox stecken würde.

Und da wir nun schon bei ausgelutschten Trends waren müssen wir natürlich auf Afrotrap und Dancehall eingehen, denn in 2018 ging es genau so weiter, wie es in 2017 aufgehört hat: Jeder Rapper musste einen Afrotrap-Song machen, der eigentlich genau so klingt, wie jeder andere Afrotrap-Song zuvor. Raf Camora schaffte es sogar gefühlt 30 Songs zu releasen, die man weder mit dem Namen, den Beats oder dem Inhalt unterscheiden kann. Das klingt mittlerweile so monoton, dass ich gar nicht mehr bemerke, wenn der nächste Song anfängt. Daher ein kleiner Appell an alle Musiker und Fans, die das hier lesen: Wir haben nun wirklich genug Afrotrap gehört. So langsam kann sich jeder nun wieder auf seine Stärken besinnen. ES REICHT.

Kollegah und Farid Bang konnten den vermutlich größten Erfolg ihrer bisherigen Karrieren verbuchen, denn an der Abschaffung des Echos maßgeblich beteiligt zu sein, ist bestimmt ein schöneres Gefühl als jede Goldplatte, jede ausverkaufte Tour und jedes Nummer-1-Album. Etwa Zeitgleich mit dem Echo schloss auch Rap am Mittwoch seine Pforten: Ben Salomo will nicht mehr allzu viel mit der Deutschrapszene zu tun haben und ehrlich gesagt war es angesichts von BMCL-Matches wie LBB vs MC Geunerauch schon längst Zeit. Der geistige Nachfolger Top Tier Takeover kommt mit weniger Events und dafür höherer Qualität daher und sorgt somit dafür, dass sich 2018 zumindest nicht alles ins Negative gewandelt hat.

Einer fehlt noch: Fler! Was wäre ein Jahresrückblick ohne den Mann, der einfach so € 6.000 für Dom Pérignon ausgibt, nur um am Ende mehr Eindruck zu machen als die beiden Fußballspieler am Nebentisch? Musikalisch lief es ähnlich gut, wie in den Vorjahren und eben genannte Champagner-Story gewann sogar unseren HeckMeck.TV-Award, doch auch sonst dürfte 2018 kein schlechtes Jahr für Fler gewesen sein. Im März ging mit „Der Disch“ eine Videoreihe online, in der Fler, Rooz und Manuellsen sich auf einer Bühne unterhielten. Wir fragen uns immer noch, warum niemand daran gedacht hatte, ein zweites Mic mitzubringen, denn drei solch begnadete Redner mit nur einem einzigen Mikrofon auszustatten führt im Endeffekt nur dazu, dass sehr viele Aussagen nicht gehört werden. Was man Fler allerdings manchmal verbieten sollte: Twitter. Während andere Künstler nach den Ausschreitungen in Chemnitz gemeinsam in Eigeninitiative ein Festival organisierten und sich freiwillig anboten fand unser aller Liebling Fler das Ganze eher durchwachsen und reagierte wie ein Kleinkind: statt die Aktion und das Festival zu loben, fand er stattdessen nur Worte der Kritik weil er nicht eingeladen wurde. Leider war hier sein Konkurrenzgedanke größer als ein wenig Support für die Initiative der anderen Künstler.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass 2018 nicht viel anders verlief als 2017. Viele langweilige Alben, viele sinnlose Deluxeboxgimmicks, die das Yps Heft nicht hätte besser machen können und natürlich Fler, der mit seinen Interviews und Tweets weiterhin Aufmerksamkeit zieht wie niemand sonst. Sollte Euch jemand erzählen, 2018 wäre das beste Deutschrapjahr ever, können wir uns hoffentlich darauf einigen, dass er lügt.

Bis nächstes Jahr.